Warum verliert euer Topseller Geld?
Bestseller mit verstecktem Minus
Mittwochnachmittag im Besprechungsraum. Deine Teamleitung zeigt die Umsatzliste aus der Finanzbuchhaltung: Artikel 4711, ein Handyhalter, bringt 8.200 Euro Monatsumsatz bei 500 verkauften Stück. Euer Topseller. Trotzdem die Ansage: "Wir verlieren mit jedem verkauften Stück Geld."
Du schaust auf die Zahlen und siehst Umsatz und Wareneinsatz. Retouren, Versandkosten, anteilige Lagermiete, Werbekosten pro Klick - nichts davon taucht auf. Bei 500 Stück und verstecktem Verlust summiert sich das schnell auf über 1.000 Euro im Monat.
Die Finanzbuchhaltung dokumentiert, was reinkommt und was rausgeht - für Finanzamt und Bank. Ob sich ein einzelner Artikel lohnt, beantwortet sie nicht. Genau diese Lücke füllt die Kosten- und Leistungsrechnung (KLR).
Drei Aufgaben der KLR im Online-Shop
Die KLR ist ein internes Steuerungswerkzeug. Anders als die FiBu richtet sie sich nicht an Finanzamt oder Bank, sondern an die Geschäftsführung. Sie beantwortet drei zentrale Fragen:
- Welchen Mindestpreis braucht der Handyhalter, damit Einkauf, Versand, Verpackung und Werbung gedeckt sind? Das beantwortet die Preiskalkulation.
- Arbeitet die Versandabteilung effizient, oder fressen Retourenkosten den Gewinn auf? Das prüft die Wirtschaftlichkeitskontrolle.
- Ob sich Artikel 4711 diesen Monat lohnt, zeigt die kurzfristige Erfolgsrechnung.
🔮 Bevor du weiterliest: Dein Online-Shop spendet 500 Euro an einen Sportverein. Ist das ein Kostenfaktor in der KLR - oder nicht?
Was unterscheidet Aufwand von Kosten?
Zwei Perspektiven auf denselben Geschäftsvorfall
Die FiBu erfasst jeden Wertverbrauch als Aufwand - Wareneinsatz, Gehälter, aber auch eine Spende oder einen Brandschaden. Die KLR ist wählerischer: Sie erfasst nur das, was dem Betriebszweck dient. Das sind die Kosten.
Nicht jeder Aufwand ist also ein Kostenfaktor. Und umgekehrt: Manche Kosten tauchen in der FiBu gar nicht auf. Vier Kategorien helfen bei der Abgrenzung.
Vier Kategorien der Abgrenzung
- Ein Posten ohne Bezug zum Betriebszweck ist neutraler Aufwand und fließt nicht in die KLR ein.
Beispiel: 500 Euro Spende an einen Sportverein - Aufwand in der FiBu, aber keine Kosten.
- Stimmen FiBu-Aufwand und KLR-Kosten in der Höhe überein, heißen sie Grundkosten (= Zweckaufwand).
Beispiel: 3.250 Euro Wareneinsatz für Handyhalter - identisch in FiBu und KLR.
- Setzt die KLR einen anderen Betrag an als die FiBu, entstehen Anderskosten.
Beispiel: Die FiBu schreibt Lagertechnik über 5 Jahre ab, die KLR rechnet mit 3 Jahren Nutzungsdauer.
- Kosten ohne Gegenstück in der FiBu heißen Zusatzkosten.
Beispiel: Die Geschäftsleitung zahlt sich kein Gehalt. Die KLR setzt trotzdem 4.000 Euro als kalkulatorischen Unternehmerlohn an.
⚖️ Vergleich im Kopf: 500 Euro Spende und 2.000 Euro monatliche Lagermiete - welcher Posten taucht in der KLR auf und welcher nicht?
Was kostet der Handyhalter wirklich?
Deckungsbeitrag Schritt für Schritt
Zurück zum Handyhalter: 500 Stück pro Monat, 16,40 Euro Verkaufspreis. Welche Kosten fallen pro Stück tatsächlich an?
Variable Kosten (direkt dem Artikel zurechenbar):
Deckungsbeitrag I = 16,40 - 14,40 = 2,00 Euro pro Stück
Vom Deckungsbeitrag zum Stückergebnis
2,00 Euro Deckungsbeitrag klingt erst mal nach Gewinn. Aber jetzt kommen die Gemeinkosten - Kosten, die nicht einem einzelnen Artikel zugeordnet werden, sondern auf alle Produkte verteilt:
Stückergebnis = 2,00 - 4,00 = -2,00 Euro
Bei 500 verkauften Stück ergibt das: 500 x (-2,00) = -1.000 Euro Monatsverlust. Jetzt wird klar, warum deine Teamleitung alarmiert ist.
Lohnt sich der Handyhalter noch?
Die KLR-Antwort auf die Eingangsfrage
Zurück zur Besprechung: Die FiBu zeigt 8.200 Euro Umsatz und meldet einen Topseller. Die KLR zeigt -1.000 Euro und meldet einen Verlustbringer. Beide Zahlen stimmen - sie beantworten nur unterschiedliche Fragen.
Trotzdem wäre es falsch, den Handyhalter sofort aus dem Sortiment zu nehmen. Der Deckungsbeitrag I ist mit 2,00 Euro positiv. Jedes verkaufte Stück trägt 2 Euro zur Deckung der Gemeinkosten bei. Fällt der Artikel weg, bleiben Lagermiete und IT-Kosten trotzdem bestehen - und müssen von den anderen Produkten getragen werden.
Die bessere Strategie: Einkaufspreis nachverhandeln, Werbekosten senken oder den Verkaufspreis um mindestens 2 Euro erhöhen.
Dein Transfer: Bluetooth-Lautsprecher
Ein zweiter Artikel steht zur Diskussion: ein Bluetooth-Lautsprecher. Verkaufspreis 24,90 Euro. Variable Kosten pro Stück: 12,00 Euro Einkauf, 4,50 Euro Versand, 1,20 Euro Verpackung, 3,80 Euro Werbung, 2,20 Euro Retouren.
🧑🏫 Erkläre es im Kopf: Stell dir vor, du erklärst deiner Teamleitung in zwei Sätzen, ob der Bluetooth-Lautsprecher einen positiven Deckungsbeitrag hat - wie rechnest du es im Kopf?
Teste dein Wissen
Welche der folgenden Kostenarten im Online-Shop sind als Einzelkosten direkt einem konkreten Artikel zurechenbar?