45.000 Euro Gewinn, aber lohnt sich der Shop?
Der Jahresabschluss liegt offen
Du scrollst durch die letzte Seite des Jahresabschlusses. 45.000 Euro Reingewinn, 600.000 Euro Eigenkapital, 1,5 Millionen Euro Umsatz. Deine Chefin braucht bis Montag eine Antwort: Rentiert sich der Online-Shop besser als die 3,8 % Festgeldzins, die eine Gesellschafterin als Alternative vorgeschlagen hat?
Ohne Bezugsgröße ist der nackte Gewinnbetrag wertlos. 45.000 Euro auf 600.000 Euro Eigenkapital sind etwas völlig anderes als 45.000 Euro auf 2 Millionen. Genau hier setzen Rentabilitätskennzahlen an: Sie setzen den Gewinn ins Verhältnis zu einer Bezugsgröße und machen ihn vergleichbar.
🎬 Vorstellung: Stell dir den Bildschirm vor: links die Bilanz mit 600.000 Euro Eigenkapital, rechts die GuV mit 45.000 Euro Reingewinn. Dazwischen die offene Frage der Gesellschafterin: Ist das besser als 3,8 % Festgeld?
Zwei Kennzahlen, zwei verschiedene Fragen
Die Liquiditätskennzahlen klären, ob dein Unternehmen zahlungsfähig ist. Jetzt geht es darum, ob sich das eingesetzte Kapital auch lohnt.
Dafür brauchst du zwei Kennzahlen mit unterschiedlichen Leitfragen:
- Eigenkapitalrentabilität (EKR): Wie gut verzinst sich das eigene Kapital? Formel: Gewinn / Eigenkapital × 100. Sie beantwortet die Frage der Gesellschafterin direkt: Bringt der Shop mehr als 3,8 % Festgeld?
- Umsatzrentabilität (UR): Wie viel Gewinn bleibt pro Euro Umsatz übrig? Formel: Gewinn / Umsatz × 100. Sie zeigt, wie effizient der Shop wirtschaftet.
Wie rechnest du die Kennzahlen aus?
Eigenkapitalrentabilität Schritt für Schritt
Die Zahlen aus dem Jahresabschluss:
- Reingewinn: 45.000 Euro
- Eigenkapital (Bilanz): 600.000 Euro
Rechenweg: 45.000 € / 600.000 € × 100 = 7,5 %
Die Gesellschafter:innen haben eine Verzinsung von 7,5 % auf ihr eingesetztes Kapital erzielt. Das liegt über den 3,8 % Festgeld. Erste Erleichterung. Aber wie effizient arbeitet der Shop dabei?
Umsatzrentabilität berechnen
Zusätzliche Angabe aus der GuV:
- Nettoumsatz: 1.500.000 Euro
Rechenweg: 45.000 € / 1.500.000 € × 100 = 3,0 %
Von jedem Euro Umsatz bleiben 3 Cent als Gewinn. Der Rest fließt in Wareneinsatz, Personal, Marketing, Miete und Steuern. Das klingt wenig, aber im E-Commerce sind 2 bis 5 % Umsatzrentabilität branchenüblich. 3 % liegen also im Mittelfeld.
🤔 Frage dich: Schätze: Wie hoch müsste der Reingewinn bei gleichem Eigenkapital von 600.000 Euro sein, damit die EKR exakt die 3,8 % Festgeld-Alternative erreicht?
Was sagst du den Gesellschafter:innen am Montag?
Drei Vergleiche für eine fundierte Bewertung
Die Antwort auf die Schätzfrage: 600.000 € × 3,8 % = 22.800 Euro. Der tatsächliche Gewinn von 45.000 Euro liegt fast doppelt so hoch. Die EKR schlägt das Festgeld klar.
Aber eine einzelne Kennzahl reicht nicht. Drei Vergleiche ergeben ein vollständiges Bild:
- EKR vs. Festgeld (3,8 %): Mit 7,5 % liegt der Shop deutlich darüber. Das Kapital arbeitet besser im Unternehmen als auf dem Konto.
- EKR vs. Branchenrichtwert E-Commerce (8 bis 15 %): Mit 7,5 % liegt der Shop knapp unter dem Durchschnitt. Hier gibt es Potenzial.
- UR vs. Branchenrichtwert E-Commerce (2 bis 5 %): Mit 3,0 % liegt der Shop im Mittelfeld. Die Kostenstruktur ist solide, aber nicht herausragend.
Deine Empfehlung für Montag
Für die Gesellschafter:innen verdichtest du das Ergebnis: Der Shop rentiert sich besser als Festgeld, liegt aber unter dem Branchenschnitt bei der Eigenkapitalverzinsung. Kapital abziehen wäre falsch, denn 7,5 % schlagen 3,8 %. Aber es lohnt sich, die Kostenstruktur zu prüfen, um die EKR Richtung Branchenniveau zu heben.
Konkret: Die UR von 3,0 % zeigt, wo der Hebel liegt. Sinken die Kosten um nur einen Prozentpunkt vom Umsatz (15.000 Euro weniger), steigt der Gewinn auf 60.000 Euro und die EKR auf 10 %. Dann liegt der Shop mitten im Branchenkorridor.
📝 Fasse mental zusammen: Welche drei Schritte brauchst du, um von den Rohdaten im Jahresabschluss zu einer begründeten Empfehlung für die Gesellschafter:innen zu kommen?
Teste dein Wissen
Du analysierst den Jahresabschluss deines E-Commerce-Betriebs. Welche betriebswirtschaftliche Leitfrage beantwortet die Eigenkapitalrentabilität (EKR) primär?