1,2 Prozent Klickrate - wo sind die anderen 2,6 Prozent geblieben?
Das Ergebnis auf dem Dashboard
1,2 Prozent Klickrate. Das steht auf dem Analytics-Dashboard, als du Dienstag um 13:15 Uhr die Kampagnenauswertung im Personalisierungs-Workshop öffnest. Der Newsletter ging an 40.000 Kund:innen, alle landen auf derselben generischen Startseite. Letztes Quartal, mit personalisierter Startseite: 3,8 Prozent. Nach dem Shop-Relaunch ist das Personalisierungs-Plugin rausgeflogen, niemand hat Ersatz eingerichtet. Bei 65 Euro durchschnittlichem Warenkorbwert kostet jedes verlorene Prozent tausende Euro pro Kampagne.
Beim Thema Verkaufsförderung im Checkout hast du gesehen, dass Cross-Selling-Empfehlungen den Warenkorbwert steigern. Bei der Kundensegmentierung hast du gelernt, Kundengruppen nach Kaufverhalten zu unterscheiden. Personalisierung verbindet beides: Sie nutzt Kundendaten, um jeder Person individuelle Inhalte auszuspielen. Welche Verfahren stecken dahinter?
Drei Verfahren im Vergleich
Drei Verfahren bestimmen, was Kund:innen im Shop sehen:
- Feste Wenn-Dann-Regeln, manuell gepflegt: das ist das Prinzip der regelbasierten Empfehlungen. Liegt eine Kamera im Warenkorb, schlägt der Shop Speicherkarte und Tasche vor. Einfach umzusetzen, aber aufwendig bei großem Sortiment.
- Beim Collaborative Filtering vergleicht ein Algorithmus das Verhalten ähnlicher Nutzer:innen. Wer Produkt A kaufte, kaufte häufig auch Produkt B. Funktioniert bei vielen Transaktionen, versagt bei neuen Produkten ohne Kaufdaten.
- Das dritte Verfahren, Content-Based Filtering, analysiert Produkteigenschaften wie Genre, Autor:in oder Preisklasse. Wer drei Krimis von Henning Mankell gelesen hat, bekommt skandinavische Krimis ähnlicher Machart vorgeschlagen.
🤔 Frage dich: Wie viel Prozent der Produktempfehlungen auf großen Plattformen basieren deiner Schätzung nach auf algorithmischen Verfahren statt auf manuell gepflegten Regeln?
Welche Daten fließen ein - und was erlaubt die DSGVO?
Vier Datenquellen der Personalisierung
Um die drei Verfahren mit Daten zu füttern, braucht der Shop vier Quellen:
- Kaufhistorie - welche Produkte hat die Person in der Vergangenheit bestellt? Basis für Collaborative Filtering und regelbasierte Empfehlungen.
- Welche Kategorien und Produktseiten werden aufgerufen? Das zeigt das Klickverhalten - auch ohne Kauf.
- Was liegt gerade im Warenkorb? Der Warenkorbinhalt löst Echtzeit-Empfehlungen aus.
- Profildaten - Alter, Standort, Newsletter-Präferenzen. Ermöglichen demografische Personalisierung, z.B. saisonale Angebote nach Region.
Rechtsgrundlagen nach DSGVO
Nicht jede Datennutzung braucht dieselbe Rechtsgrundlage:
Sobald der Shop Daten zu einem Nutzungsprofil verknüpft, greift die Pflicht zur Transparenz. Kund:innen müssen erfahren, wie ihre Daten für Empfehlungen genutzt werden. Sie haben jederzeit das Recht auf Widerspruch gegen automatisierte Entscheidungen.
🧑🏫 Erkläre es im Kopf: Stell dir vor, du erklärst einer neuen Kollegin, warum der Shop für personalisierte Newsletter eine Einwilligung braucht, aber für Warenkorb-Empfehlungen nicht - wie würdest du den Unterschied in einem Satz formulieren?
Wie bringst du die 3,8 Prozent zurück?
Vier Empfehlungsregeln für den Relaunch
Zurück zum Relaunch-Problem: Der Shop braucht konkrete Regeln. Vier Wenn-Dann-Empfehlungen decken die beiden häufigsten Szenarien ab:
Szenario 1: Kamera im Warenkorb (Produktdetailseite)
- Wenn Kamera im Warenkorb → zeige kompatible Speicherkarte und passende Kameratasche. Verfahren: regelbasiert. Datenquelle: Warenkorbinhalt.
- Wenn Kund:in in den letzten 90 Tagen Objektive angesehen hat → zeige das meistgekaufte Objektiv dieser Kameramarke. Verfahren: Collaborative Filtering. Datenquelle: Klickverhalten.
Szenario 2: Stammkund:in mit Kaufhistorie (Startseite)
- Wenn letzte 3 Käufe Thriller von Autor:in X → zeige deren Neuerscheinung im Header-Banner. Verfahren: Content-Based Filtering. Datenquelle: Kaufhistorie.
- Wenn Kund:in seit 60+ Tagen nicht gekauft hat → zeige personalisierte Empfehlungen basierend auf den letzten Kategorien. Verfahren: regelbasiert. Datenquelle: Kaufhistorie.
Was der Workshop ergeben hat
Mit diesen vier Regeln wäre der Shop nach dem Relaunch nicht blank gewesen. Die regelbasierten Empfehlungen (Regeln 1 und 4) lassen sich innerhalb eines Tages konfigurieren. Die algorithmischen Verfahren (Regeln 2 und 3) brauchen Trainingsdaten - das neue Plugin muss mindestens zwei Wochen Daten sammeln, bevor die Empfehlungen greifen.
Der Sofort-Effekt: Schon die regelbasierten Empfehlungen allein heben die Klickrate messbar an. Die algorithmischen Verfahren verfeinern das Ergebnis über die Zeit. Ergebnis: kein Geld verschwendet, keine generische Startseite mehr.
📝 Fasse mental zusammen: Welche drei Personalisierungsverfahren stehen dir zur Verfügung, welche Datenquelle braucht jedes davon, und welche Rechtsgrundlage gilt jeweils?
Teste dein Wissen
Du analysierst die Personalisierungsstrategie deines Online-Shops. Welches Verfahren nutzt das Kaufverhalten anderer Kund:innen, um einer Person Produkte vorzuschlagen?