Kann eine Kampagne sich lohnen, die beim Erstkauf draufzahlt?
Minus 7 Euro pro Neukunde
Kann eine Marketingkampagne sinnvoll sein, wenn sie bei jeder Neukundenbestellung draufzahlt? Mia sitzt in der Wochenbesprechung ihres Online-Marketing-Teams, Montagvormittag, 11:30 Uhr. Auf dem Bildschirm der Google-Ads-Report: 35 Euro Akquisekosten pro Neukunde, durchschnittliche Erstbestellung nur 28 Euro. Die Teamleitung will die Kampagne stoppen.
Widerspruch aus dem CRM-Team: "Unsere Stammkundschaft bestellt im Schnitt vier Jahre lang, drei Mal pro Jahr, mit einem durchschnittlichen Warenkorb von 50 Euro. Die Kampagne lohnt sich trotzdem."
Zwei Positionen, eine Frage: Wer hat recht? Was passiert, nachdem du per RFM-Analyse weißt, welche Segmente besonders wertvoll sind - wie setzt du diesem Wissen eine konkrete Euro-Zahl auf?
Vom Segment zum Euro-Wert: der Customer Lifetime Value
Genau dafür gibt es den Customer Lifetime Value (CLV). Er beziffert den gesamten Deckungsbeitrag, den eine Person über die komplette Geschäftsbeziehung einbringt - abzüglich der Kosten, die ihre Gewinnung verursacht hat. Statt nur die Erstbestellung zu betrachten, rechnet der CLV alle zukünftigen Bestellungen mit ein.
Mia braucht dafür fünf Größen: durchschnittlicher Bestellwert, Bestellfrequenz, Bindungsdauer, Deckungsbeitragsmarge und Akquisekosten (Customer Acquisition Cost, kurz CAC). Alle fünf liegen in den CRM-Daten vor.
🎬 Vorstellung: Denk an dein eigenes Ausbildungsunternehmen: Welche Kundschaft bestellt regelmäßig, und wie hoch schätzt du deren durchschnittlichen Warenkorb?
Wie rechnet Mia den CLV aus - und was sagt er über die 35 Euro?
Die CLV-Formel in drei Schritten
Mia setzt die CRM-Daten in die Formel ein:
- Bruttoumsatz pro Person: 50 € × 3 Bestellungen × 4 Jahre = 600 €
- Brutto-CLV: 600 € × 25 % Deckungsbeitragsmarge = 150 €
- Netto-CLV: 150 € - 35 € CAC = 115 €
Die Erstbestellung bringt 28 Euro, die Akquise kostet 35 Euro. Auf den ersten Blick ein Verlust von 7 Euro. Aber über vier Jahre erwirtschaftet jede gewonnene Person netto 115 Euro für das Unternehmen.
Drei Argumente für die Teamleitung
Mia bereitet drei zahlengestützte Argumente vor:
- CLV-zu-CAC-Verhältnis: 150 € geteilt durch 35 € ergibt einen Faktor von 4,3. Faustregel im E-Commerce: Ab 3:1 gilt die Akquise als wirtschaftlich.
- Break-even-Zeitpunkt: Pro Jahr fließen 37,50 € Deckungsbeitrag (50 € × 3 × 25 %). Die 35 € CAC sind nach rund 11 Monaten eingespielt.
- Erstbestellung ist kein Maßstab: Die 28 € spiegeln nur den Einstieg. Der Netto-CLV von 115 € entsteht durch Wiederholungskäufe über vier Jahre. Stoppt die Kampagne, gehen bei 200 Neukunden pro Monat rund 23.000 € Deckungsbeitrag verloren.
🤔 Frage dich: Wie würdest du vorgehen, wenn der CLV-zu-CAC-Faktor in deinem Unternehmen nur bei 1,5 liegt statt bei 4,3 - würdest du die Kampagne trotzdem weiterlaufen lassen?
Wie steuert der CLV Unternehmensentscheidungen?
Zwei Hebel: Bindungsprogramm und Budgetverteilung
Der CLV zeigt nicht nur, ob eine Kampagne sich lohnt. Er steuert zwei konkrete Maßnahmen auf Unternehmensebene:
Bindungsprogramm gezielt einsetzen: Kundschaft mit hohem CLV (z.B. 180 €) bekommt Treueboni, exklusive Vorab-Verkäufe oder Priority-Versand. Ziel ist, die Bindungsdauer zu verlängern. Steigt sie von 4 auf 5 Jahre, wächst der Brutto-CLV um 37,50 € pro Person (50 € × 3 × 1 Jahr × 25 %).
Marketingbudget nach CLV-Segmenten verteilen: Kanäle, die Kundschaft mit hohem CLV liefern, bekommen mehr Budget. Kanäle mit überwiegend Einmalkäufen werden zurückgefahren. So steigt der Return on Investment des Gesamtbudgets.
Mias Empfehlung
Mia fasst ihre Ergebnisse zusammen: Bei 35 € CAC und 115 € Netto-CLV liegt der Faktor bei 4,3:1. Ihre Empfehlung: Kampagne weiterlaufen lassen und ein Treueprogramm für die gewonnene Kundschaft aufbauen, damit Bindungsdauer und CLV weiter steigen.
Die Teamleitung stimmt zu. Ohne die CLV-Rechnung wäre die Kampagne am Montagvormittag gestoppt worden - und damit langfristig profitable Kundenbeziehungen gekappt.
📝 Fasse mental zusammen: Welche fünf Größen brauchst du für die CLV-Berechnung, und warum reicht der Blick auf die Erstbestellung allein nicht aus?
Teste dein Wissen
Dein Online-Weinhandel gewinnt Neukund:innen für 35 Euro (CAC), während die Erstbestellung nur 28 Euro einbringt. Warum ist die Kampagne laut CRM-Team dennoch wirtschaftlich?