Wie liquid ist der Online-Shop wirklich?
Volle Regale, leeres Konto
Krzysztof scrollt durch die Bilanz des Online-Shops. Samstag, 09:45 Uhr, Finanzanalyse-Schulung. Der Reingewinn aus der GuV sah letzte Woche noch ordentlich aus - 38.000 Euro nach Abzug aller Kosten. Aber die Bilanz erzählt eine andere Geschichte: 280.000 Euro Umlaufvermögen klingen solide. Nur stecken 210.000 Euro davon im Warenbestand. Auf dem Bankkonto liegen 18.000 Euro, kurzfristige Forderungen betragen 52.000 Euro. Die kurzfristigen Verbindlichkeiten? 95.000 Euro. Der Hauptlieferant hat eine letzte Mahnung geschickt: Zahlung bis Freitag, sonst Lieferstopp. Ohne Nachschub fehlen 40 Prozent des Sortiments mitten in der Hochsaison.
Kann der Shop seine Schulden aus eigener Kraft bezahlen? Zwei Kennzahlen liefern die Antwort: Liquidität 1. Grades und Liquidität 2. Grades.
L1 und L2 Schritt für Schritt
Liquidität 1. Grades (L1) misst, wie viel Prozent der kurzfristigen Schulden du sofort bezahlen könntest:
L1 = Liquide Mittel / kurzfristige Verbindlichkeiten × 100 L1 = 18.000 / 95.000 × 100 = 18,9 %
Liquidität 2. Grades (L2) rechnet die kurzfristigen Forderungen dazu - Geld, das die Kundschaft dem Shop noch schuldet:
L2 = (Liquide Mittel + kurzfristige Forderungen) / kurzfristige Verbindlichkeiten × 100 L2 = (18.000 + 52.000) / 95.000 × 100 = 73,7 %
Der Unterschied: L1 zeigt, was jetzt auf dem Konto liegt. L2 zeigt, was in den nächsten Wochen reinkommen könnte, wenn alle pünktlich zahlen.
🤔 Frage dich: Schätze: Wie viel Euro müsste die Kundschaft des Shops noch zusätzlich überweisen, damit die Liquidität 2. Grades auf genau 100 % steigt?
Ab wann wird es kritisch?
Richtwerte und Warnsignale
Zwei Richtwerte helfen bei der Einordnung:
- L1 >= 20 % gilt als Minimum. Der Shop liegt mit 18,9 % knapp darunter - das Bankkonto reicht nicht einmal für ein Fünftel der offenen Rechnungen.
- L2 >= 100 % bedeutet: Liquide Mittel plus Forderungen decken die kurzfristigen Schulden vollständig. Mit 73,7 % verfehlt der Shop diesen Wert deutlich.
Drei Warnsignale zeigen drohende Zahlungsunfähigkeit:
- L2 sinkt dauerhaft unter 100 % und der Trend zeigt nach unten
- Lieferanten verkürzen Zahlungsziele oder senden Mahnungen
- Das Unternehmen lässt Skonto-Vorteile verfallen, weil das Geld für schnelle Zahlung fehlt
Warum der volle Lagerbestand nicht hilft
210.000 Euro Warenbestand klingen nach Sicherheit. Aber Lagerware ist kein Bargeld. Bevor der Bestand zu Geld wird, muss er verkauft werden, dann muss die Kundschaft zahlen. Das dauert Wochen. Genau deshalb taucht der Warenbestand weder in L1 noch in L2 auf.
Zwei Konsequenzen für die Finanzplanung:
- Gebundenes Kapital im Lager fehlt auf dem Konto. Je höher der Bestand, desto weniger Spielraum für sofortige Zahlungen.
- Den Lagerumschlag beschleunigen heißt Liquidität verbessern: schneller verkaufen, Forderungen zügig eintreiben, weniger auf Vorrat einkaufen.
Im Online-Shop-Fall bedeutet das: 280.000 Euro Umlaufvermögen, aber nur 70.000 Euro davon kurzfristig verfügbar. Der Lieferstopp droht nicht wegen fehlenden Vermögens, sondern weil das Vermögen im Regal steht statt auf dem Konto.
🧑🏫 Erkläre es im Kopf: Wie würdest du einer neuen Auszubildenden in zwei Sätzen erklären, warum ein Online-Shop mit 280.000 Euro Umlaufvermögen trotzdem seine Rechnungen nicht bezahlen kann?
Teste dein Wissen
Berechne die Liquidität 1. Grades für den Online-Shop (18.000 Euro Bankguthaben, 95.000 Euro kurzfristige Verbindlichkeiten) und wähle den korrekten Wert.