Muss der Shop 30 Laptops für 49,99 Euro liefern?
30 Bestellungen, ein Preisfehler
Eleni scrollt durch 30 Bestellungen. Jede zeigt denselben Laptop für 49,99 statt 499,99 Euro. Der Preisfehler läuft seit gestern Abend im Shop. Jede Bestellung hat automatisch eine Bestellbestätigung per E-Mail ausgelöst. Jetzt, Samstagnachmittag um halb eins, sitzt sie mit dem Rechtsteam zusammen. Die Teamleitung fragt: "Müssen wir liefern?"
Die Antwort hängt davon ab, welche Willenserklärungen bisher abgegeben wurden und ob ein Kaufvertrag zustande kam.
Produktseite, Bestellung, Bestätigung: Wer erklärt was?
Die Produktseite im Shop ist rechtlich kein verbindliches Angebot. Sie ist eine invitatio ad offerendum (Aufforderung zur Abgabe eines Angebots). Zwei Gründe:
- Der Händler kann nicht unbegrenzt viele Verträge erfüllen. Wäre jede Produktseite ein Angebot, müsste er an jede Person liefern, die klickt.
- Der Händler braucht die Möglichkeit, Bestellungen bei Preisfehlern, Lieferengpässen oder Betrugsverdacht abzulehnen.
Der Bestellvorgang sieht deshalb so aus: Die Kundschaft gibt mit dem Klick auf "Jetzt kaufen" ihr Angebot ab. Die automatische Bestellbestätigung bestätigt nur den Eingang. Erst die Auftragsbestätigung oder eine Versandmitteilung ist die Annahme des Händlers. Dann entsteht der Vertrag.
🤔 Frage dich: Deine Kollegin behauptet: "Wenn der Shop den Preis anzeigt und ich auf Kaufen klicke, haben beide Seiten zugestimmt. Das ist ein Vertrag!" Warum stimmt das nicht?
Wann kommt der Vertrag wirklich zustande?
Drei Bestellungen, drei Verläufe
In welchem Fall ist ein Kaufvertrag zustande gekommen?
Fall A: Du bestellst Kopfhörer. Du erhältst eine E-Mail: "Wir haben Ihre Bestellung erhalten." Danach passiert tagelang nichts.
Fall B: Du bestellst ein Tablet. Minuten später kommt eine E-Mail: "Ihr Auftrag wird bearbeitet. Voraussichtlicher Versand: Dienstag."
Fall C: Du bestellst eine Tastatur. Erst kommt eine Bestellbestätigung, zwei Stunden später eine Versandbestätigung mit Tracking-Nummer.
Auflösung
Fall A: Kein Vertrag. Die E-Mail bestätigt nur den Eingang. Der Händler hat das Angebot nicht angenommen.
Fall B: Vertrag. "Ihr Auftrag wird bearbeitet" mit konkretem Versanddatum ist eine Auftragsbestätigung. Der Händler nimmt damit das Angebot an.
Fall C: Vertrag. Spätestens die Versandbestätigung mit Tracking-Nummer zeigt: Der Händler handelt so, als bestünde ein Vertrag. Das ist eine Annahme.
Zurück zu Elenis Situation: Die 30 Bestellungen haben nur automatische Bestellbestätigungen ausgelöst. Keine Auftragsbestätigung, keine Versandmitteilung. Kein Vertrag. Der Shop muss die Laptops nicht für 49,99 Euro liefern.
🧑🏫 Erkläre es im Kopf: Stell dir vor, eine neue Auszubildende Person fragt dich: "Warum ist die Bestellbestätigung kein Vertrag, aber die Auftragsbestätigung schon?" Wie erklärst du den Unterschied in zwei kurzen Sätzen?
Teste dein Wissen
Welches rechtliche Argument stützt die Einordnung der Shop-Anzeige als invitatio ad offerendum zusätzlich zur fehlenden Bindungsabsicht?