Wer verhandelt, und warum darf niemand den Streik verbieten?
840 Bestellungen, null Abholung
Yasmin scrollt durch das Ticketsystem im HR-Büro. Donnerstagvormittag, 09:00 Uhr. Seit gestern Abend streiken die Beschäftigten des Paketdienstleisters. 840 versandfertige Bestellungen stehen im Lager, kein Fahrer holt ab. Pro Tag ohne Versand: rund 12.000 Euro Umsatzverlust.
Der Betriebsrat regelt Dinge innerhalb eines Unternehmens - jetzt geht es um Regelungen, die für eine ganze Branche gelten. Bei Tarifverhandlungen sitzen sich zwei Parteien gegenüber: Die Gewerkschaft (z.B. ver.di) vertritt die Beschäftigten und verhandelt Entgelt, Arbeitszeiten und Urlaubsansprüche. Der Arbeitgeberverband vertritt die Mitgliedsbetriebe und führt die Verhandlung auf Unternehmensseite.
Das Grundgesetz schützt dieses System: Tarifautonomie nach Art. 9 Abs. 3 GG bedeutet, dass beide Seiten ihre Arbeitsbedingungen ohne staatliche Einmischung aushandeln. Niemand kann den Streik einfach verbieten, solange er rechtmäßig ist.
Drei Vertragstypen, drei Regelungsbereiche
Die Ergebnisse der Verhandlungen landen in unterschiedlichen Tarifverträgen:
- Manteltarifvertrag: regelt allgemeine Arbeitsbedingungen wie Arbeitszeit, Urlaubsanspruch und Kündigungsfristen. Läuft oft mehrere Jahre.
- Entgelttarifvertrag: legt Löhne, Gehälter und Ausbildungsvergütung fest. Wird häufiger neu verhandelt, meist jährlich.
- Rahmentarifvertrag: definiert Eingruppierungskriterien und Tätigkeitsmerkmale. Bestimmt, in welche Entgeltstufe eine Tätigkeit fällt.
🤔 Frage dich: Dein Ausbildungsbetrieb kürzt deinen Urlaub von 30 auf 24 Tage. In welchem der drei Tarifvertragstypen würdest du nachschauen, ob das zulässig ist?
Was kostet der Streik - und was bringt der Tarifvertrag?
Kettenreaktion im Online-Shop
Der Streik beim Paketdienstleister trifft Yasmins Online-Shop an vier Stellen gleichzeitig. 840 Pakete stehen im Lager, neue Bestellungen stauen sich. Pro Tag gehen rund 12.000 Euro Umsatz verloren, weil Kundschaft storniert und bezahlte Ware nicht rausgeht. Auf Marktplätzen wie Amazon sinkt die Verkäuferbewertung durch verspätete Lieferungen - das kostet langfristig Sichtbarkeit und Reichweite. Gleichzeitig verdoppeln sich die Anfragen im Kundenservice, weil verärgerte Kundschaft nach dem Verbleib ihrer Pakete fragt.
Ein Streik ist das schärfste Mittel im Arbeitskampf. Er ist legal, solange eine Gewerkschaft ihn organisiert und die Tarifverhandlungen gescheitert sind.
Tarif schlägt Gesetz - nach oben
Warum verhandeln Gewerkschaften so hart? Weil Tarifverträge den Beschäftigten konkret mehr bringen als das gesetzliche Minimum.
Beim Urlaub zeigt sich der Unterschied deutlich: Das Bundesurlaubsgesetz garantiert bei einer 5-Tage-Woche 20 Tage. Viele Tarifverträge im Handel sichern 30 Tage - das sind 50 % mehr.
Bei der Ausbildungsvergütung ist der Abstand noch größer. Das BBiG schreibt im ersten Ausbildungsjahr eine Mindestvergütung von 724 Euro brutto pro Monat vor (Stand 2026, BIBB-Bekanntmachung vom 10.10.2025). Tariflich vereinbarte Vergütungen im Einzelhandel liegen oft bei 1.000 Euro oder mehr - ein Plus von rund 275 Euro monatlich.
Die Entgeltabrechnung zeigt dir, wie sich Brutto und Netto unterscheiden. Der Tarifvertrag bestimmt, wie hoch das Brutto überhaupt ausfällt. Ohne Tarifbindung gilt nur das gesetzliche Minimum.
🧑🏫 Erkläre es im Kopf: Stell dir vor, du erklärst einem neuen Teammitglied in drei Sätzen, warum der Streik beim Paketdienst den Online-Shop lahmlegt und wer die Verhandlungen führt - wie würdest du formulieren?
Teste dein Wissen
Welche zentrale Aufgabe übernehmen Gewerkschaften und Arbeitgeberverbände als Tarifvertragsparteien nach § 2 TVG?