Zwölfmal am selben Fach - und trotzdem zu langsam?
40 Aufträge, ein Ladekabel-Fach
"Zwölfmal war ich heute schon am selben Fach." Dein Azubi-Kollege Minh steht mit seinem Scanner in der Kommissionierzone. Mittwochnachmittag, 15:10 Uhr. 40 Aufträge offen, der Paketdienst holt um 17 Uhr ab. Minh kommissioniert sauber auftragsorientiert: einen Auftrag nehmen, alle Positionen im Lager ablaufen, Paket fertigmachen, nächster Auftrag.
Aus dem Bereich auftragsorientierte Kommissionierung weißt du, dass genau so ein Auftrag nach dem anderen abgearbeitet wird. Minh macht alles nach Vorschrift. Trotzdem schafft er höchstens 25 der 40 Aufträge bis 17 Uhr. 15 Pakete gehen erst morgen raus - jede verspätete Lieferung kostet den Betrieb 5 Euro Gutschrift. Macht 75 Euro an einem einzigen Nachmittag.
🔮 Bevor du weiterliest: Was würde sich ändern, wenn Minh alle USB-Ladekabel für sämtliche Aufträge in einem einzigen Gang mitnimmt statt zwölfmal einzeln hinzulaufen?
Zwei Stufen statt zwölf Gänge
Die Lösung heißt serienorientierte Kommissionierung - ein zweistufiges Verfahren.
Stufe 1 ist die Sammelentnahme: Gleichartige Artikel aus mehreren Aufträgen werden zu einer Sammelliste zusammengefasst. Minh geht einmal zum Ladekabel-Fach und entnimmt 40 Stück auf einen Schlag statt zwölfmal einzeln.
Stufe 2 ist die auftragsbezogene Sortierung: Am Sortiertisch werden die gesammelten Artikel den einzelnen Kundenaufträgen zugeordnet. Jedes Paket bekommt genau die Menge, die auf der Bestellung steht.
Zwei Unterschiede zur einstufigen Methode fallen sofort auf: Erstens werden mehrere Aufträge gebündelt statt einzeln abgearbeitet. Zweitens kommt eine zweite Arbeitsstufe hinzu - das Sortieren. Dafür sinkt die Wegzeit drastisch.
Wie werden aus drei Sammelgängen 40 fertige Pakete?
Von der Sammelliste zum Sortiertisch
Minhs System fasst die 40 Aufträge zu einer Sammelliste zusammen: 40 USB-Ladekabel, 25 Displayschutzfolien, 18 Handyhüllen. Statt 40 einzelne Rundgänge macht er drei Sammelgänge.
Am Sortiertisch läuft die zweite Stufe:
- Pro Kundenauftrag steht ein Fach bereit - 40 Fächer insgesamt.
- Der Scanner zeigt pro Fach die Sollmenge: Auftrag 1 braucht 1 Kabel und 1 Folie, Auftrag 2 braucht 2 Kabel und 1 Hülle.
- Minh legt die passende Menge in jedes Fach.
- Am Ende wird jedes Fach gegen die Bestelldaten geprüft. Stimmt die Menge, wird das Paket verschlossen.
Der Abgleich im letzten Schritt ist entscheidend: Ohne ihn steigt die Verwechslungsgefahr beim Sortieren.
Drei Vorteile, drei Nachteile
Was gewinnt Minh durch das Verfahren - und was kostet es ihn?
Drei Vorteile gegenüber der auftragsorientierten Methode:
- Deutlich weniger Wegzeit, weil jedes Lagerfach nur einmal angelaufen wird
- Höherer Durchsatz bei vielen ähnlichen Aufträgen
- Kürzere Laufwege, weniger körperliche Belastung
Drei Nachteile:
- Zusätzlicher Sortieraufwand in der zweiten Stufe
- Höhere Fehleranfälligkeit beim Zuordnen der Artikel zu Einzelaufträgen
- Längere Durchlaufzeit für den einzelnen Auftrag, weil das Paket erst nach der Sortierung fertig wird
🧑🏫 Erkläre es im Kopf: Wie würdest du einer neuen Auszubildenden den Unterschied zwischen einstufiger und zweistufiger Kommissionierung erklären - je ein Satz pro Verfahren?
Lohnt sich das Verfahren für jedes Lager?
Zwei Betriebe, zwei Empfehlungen
Nicht jedes Lager profitiert gleich stark. Drei Kriterien helfen bei der Beurteilung:
- Auftragsgröße: Viele kleine Aufträge mit wenigen Positionen? Sammelentnahme spart am meisten Weg.
- Artikelvielfalt: Wenige Artikel, die in vielen Aufträgen vorkommen (hohe Überlappung)? Ideal für die Sammelliste.
- Pickfrequenz: Wird derselbe Artikel pro Schicht dutzendfach gepickt? Der Wegzeit-Vorteil ist dann am größten.
Fallbeispiel A - Onlinehändler für Handyzubehör: 200 Aufträge pro Schicht, 80% enthalten USB-Kabel oder Schutzhüllen. Empfehlung: serienorientiert. Die Überlappung ist enorm.
Fallbeispiel B - Schreinerei mit Einzelanfertigungen: 8 Aufträge pro Tag, jeder mit individuellen Teilen. Empfehlung: auftragsorientiert. Der Sortieraufwand wäre größer als die Wegzeitersparnis.
Zurück zu Minhs Nachmittag
So hätte Minhs Nachmittag mit einer Sammelliste ausgesehen: drei Sammelgänge statt 40 Rundgänge, alle Pakete vor 17 Uhr fertig, null Gutschriften. Hinweis zur Größenordnung: Bei einfachen Aufträgen mit 1 Pick/Auftrag spart das Verfahren bis zu 90 % Wegezeit. Bei mehreren Positionen pro Auftrag ist die Ersparnis kleiner, aber typisch noch 30-60 %. Sein Onlinehändler gehört klar in Kategorie A - viele kleine Aufträge, hohe Artikelüberlappung, enger Zeitdruck.
🤔 Frage dich: Dein Kollege behauptet: "Serienorientierte Kommissionierung ist immer schneller als auftragsorientierte." Stimmt das?
Teste dein Wissen
Minh läuft in der Kommissionierzone zwölfmal zum selben Fach. Welches Prinzip der serienorientierten Kommissionierung würde dieses Problem lösen?