Was fehlt, wenn das beleglose System ausfällt?
Papierliste bei minus 22 Grad
Iryna reißt das Headset vom Ohr. Samstagnachmittag, 14:00 Uhr, Tiefkühllager bei minus 22 Grad. Das Pick-by-Voice-System ist seit zehn Minuten offline. 38 Aufträge offen, Abholtermin um 16:00 Uhr. Die Teamleitung drückt ihr eine ausgedruckte Pickliste in die Hand. Mit gefütterten Handschuhen kann sie kaum blättern. Die Tinte im Kugelschreiber friert ein.
Aus dem Bereich Lagersoftware weißt du, dass das WMS jeden Kommissionierauftrag digital steuert. Pick-by-Voice ist eines von vier Verfahren der beleglosen Kommissionierung: Systeme, die die Papierliste komplett ersetzen. Jeder verpasste Auftrag kostet 40 Euro Expresszuschlag am Montag. Bei 38 Aufträgen sind das bis zu 1.520 Euro. Was genau macht diese Systeme der Papierliste so weit überlegen?
Vier Verfahren im Überblick
Alle vier Verfahren ersetzen die Papierliste durch digitale Anweisungen:
- Pick-by-Voice: Sprachsteuerung per Headset. Hände bleiben komplett frei. Typisch für Tiefkühllager (mit kältefesten Headsets bis ca. -25 °C - Standardgeräte versagen unter -10 °C wegen Akku- und Mikrofonproblemen) und Lebensmittellogistik.
- Leuchtanzeigen am Regalfach zeigen Entnahmeort und Menge: Pick-by-Light. Typisch für Kleinteilelager mit hoher Pickfrequenz.
- Pick-by-Scan: Hand- oder Fingerscanner liest Barcodes am Lagerplatz. Typisch für Paketlogistik und E-Commerce.
- Eine Datenbrille blendet Informationen ins Sichtfeld ein: Pick-by-Vision. Typisch für komplexe Montageteile-Kommissionierung.
🔮 Bevor du weiterliest: Pick-by-Light braucht weder Papier noch Sprachsteuerung. Trotzdem wäre es im Tiefkühllager problematisch. Was könnte der Grund sein?
Wie funktioniert Pick-by-Light am Regal?
Drei Schritte am Beispiel: Drei Laptops aus Fach B-14
Pick-by-Light arbeitet mit Leuchtanzeigen und einem Taster am Regalfach. Im Tiefkühllager ein Problem: Die Taster lassen sich mit gefütterten Handschuhen kaum drücken. In anderen Lagerumgebungen spielt das System seine Stärken aber voll aus.
Am Beispiel: Drei Laptops sollen aus Fach B-14 entnommen werden.
- Signalisierung: Am Fach B-14 leuchtet eine LED auf. Alle anderen Fächer bleiben dunkel. Du gehst direkt zum richtigen Platz, ohne Fachnummern auf einer Liste zu suchen.
- Mengenanzeige: Ein kleines Display neben der LED zeigt die Zahl "3". Du weißt sofort, wie viele Stück du entnimmst.
- Quittierung: Du drückst den Taster neben dem Display. Die LED erlischt, das WMS verbucht die Entnahme automatisch. Das nächste Fach leuchtet auf.
Schneller und fehlerärmer als Papier
Der gesamte Ablauf dauert wenige Sekunden pro Fach. Kein Suchen auf der Liste, kein Abgleich von Artikelnummern, kein Häkchen setzen. Die Fehlerquote sinkt, weil das System immer nur das eine richtige Fach beleuchtet.
Nachteil: Jedes Regalfach braucht eine eigene LED-Einheit und ein Display. Die Installation ist teuer und lohnt sich vor allem in Lagerbereichen mit sehr vielen Picks pro Stunde.
🧑🏫 Erkläre es im Kopf: Du hilfst beim Einführungstag für neue Auszubildende - wie erklärst du die drei Schritte am Pick-by-Light-Regal in je einem Satz. Wie formulierst du das möglichst einfach?
Welches System passt zu welchem Lager?
Drei Szenarien, drei Empfehlungen
Irynas Tiefkühllager braucht Pick-by-Voice. Aber nicht jedes Lager ist ein Tiefkühllager. Drei typische Umgebungen, drei unterschiedliche Empfehlungen:
Tiefkühllager (minus 22 Grad, dicke Handschuhe): Pick-by-Voice. Hände bleiben frei, kein Display beschlägt. Pick-by-Light scheitert an den Tastern.
Lautes Hochregallager (Gabelstapler, Förderbänder): Pick-by-Light. Leuchtanzeigen funktionieren unabhängig vom Lärmpegel. Sprachbefehle bei Pick-by-Voice gehen im Geräusch unter.
Kleinteilelager (200 ähnliche Artikel nebeneinander): Pick-by-Light. Bei dicht belegten Regalreihen leuchtet genau das richtige Fach auf. Pick-by-Voice müsste Fachnummern ansagen, was bei ähnlichen Bezeichnungen zu Verwechslungen führt.
Zurück ins Tiefkühllager
Der Systemausfall zeigt, was beleglose Kommissionierung im Alltag leistet: freie Hände, keine eingefrorene Tinte, automatische Verbuchung im WMS. Die 1.520 Euro Expresszuschlag sind das Preisschild für zwei Stunden ohne diese Vorteile. Welches System das richtige ist, hängt von der Umgebung ab. Aber dass ein belegloses Verfahren besser funktioniert als Papier, hat Iryna an diesem Samstagnachmittag am eigenen Leib erfahren.
🤔 Frage dich: Was passiert, wenn du Pick-by-Voice in einem Hochregallager mit laufenden Gabelstaplern und Förderbändern einsetzt? Welche konkreten Probleme entstehen für die kommissionierende Person?
Teste dein Wissen
Im Tiefkühllager hört Iryna Sprachbefehle über ihr Headset und quittiert per Zuruf. Welchem beleglosen Kommissionierverfahren entspricht das?