Warum kannst du nicht einfach selbst zum Regal laufen?
Die Rollenbahn steht, 47 Aufträge laufen
Seit drei Minuten kommt kein Behälter mehr. Die Anzeige am Kommissionierplatz blinkt rot, auf dem Bildschirm laufen 47 offene Aufträge auf. Die Person am Nachbarplatz sagt: "Ohne Nachschub können wir hier gar nichts machen." Jede Minute Stillstand kostet rund 10 entgangene Picks (also etwa 600 Picks pro Stunde - die Normalleistung des Pickplatzes), und der Versandschluss um 16 Uhr rückt näher.
Im alten Lager wärst du einfach zum Regal gelaufen. Aus dem Bereich "Person zur Ware" weißt du, dass die kommissionierende Person sich durch die Gänge bewegt und Artikel selbst entnimmt. Beim dynamischen Prinzip läuft es umgekehrt: Die Ware kommt zu dir. Fällt die Technik aus, stehst du still.
Welche Technik steckt dahinter, und warum macht sich ein Betrieb so abhängig?
Der Ablauf: Vom Auftrag bis zum Griff ins Fach
Das dynamische Prinzip läuft in vier Schritten:
- Das Lagerverwaltungssystem (LVS) erkennt, welche Artikel ein Auftrag braucht, und löst die Auslagerung aus.
- Im AKL (automatisches Kleinteilelager) fährt ein Regalbediengerät zum richtigen Fach und holt den Behälter.
- Die Förderstrecke transportiert den Behälter automatisch zum Kommissionierplatz. Die Rollenbahnen, die du von den Stetigförderern kennst, übernehmen genau diese Aufgabe.
- Am stationären Pickplatz zeigt Pick-by-Light per Leuchtanzeige, welchen Artikel du in welcher Menge entnimmst.
Deine Wegzeit? Null. Du bleibst an deinem Platz und greifst nur zu.
🎬 Vorstellung: Stell dir deinen festen Arbeitsplatz vor: Links der Bildschirm mit der Auftragsliste, vor dir die Rollenbahn, aus der alle paar Sekunden ein neuer Behälter anrollt, rechts das Leuchtdisplay mit der Entnahmemenge.
Schneller picken, schneller stillstehen?
Vier Kriterien im direkten Vergleich
Vier Faktoren entscheiden, ob sich das dynamische System für einen Betrieb lohnt:
| Störanfälligkeit | gering (Mensch weicht aus) | hoch (Technikausfall = Stillstand) |
Die Gegenüberstellung zeigt den zentralen Zielkonflikt: Das dynamische System vervielfacht die Pickleistung, macht den Betrieb aber komplett abhängig von funktionierender Technik.
🔮 Bevor du weiterliest: Die Rollenbahn am AKL steht seit 20 Minuten. Welche Bereiche außerhalb des Pickplatzes sind deiner Einschätzung nach betroffen - und warum?
Wenn die Fördertechnik ausfällt
Drei Folgeeffekte treffen den Betrieb gleichzeitig:
- Die Pickleistung sinkt auf null. Solange kein Behälter am Platz ankommt, kann niemand kommissionieren.
- Nachgelagerte Prozesse laufen leer. Ohne fertig kommissionierte Aufträge stehen auch Verpackung und Versand still.
- Liefertermine geraten in Gefahr. Jede Stunde Stillstand verschiebt Sendungen, die für den Tagesversand eingeplant waren.
Zwei Notfallmaßnahmen begrenzen den Schaden:
- Manuelle Notkommissionierung: Beschäftigte gehen ausnahmsweise selbst in die Regalgassen und picken die dringendsten Aufträge per Hand.
- LVS-Priorisierung: Nach dem Neustart sortiert die Lagerverwaltung offene Aufträge nach Versandschluss, damit die zeitkritischsten Behälter zuerst kommen.
Wann lohnt sich ein AKL-System?
Drei Argumente für den wirtschaftlichen Einsatz
Ein AKL rechnet sich nicht für jedes Sortiment. Für ein Lager mit hoher Pickfrequenz und Kleinteilen sprechen drei Argumente dafür:
- Durchsatz: Bei 10.000 oder mehr Picks pro Tag amortisiert sich die Investition schneller, weil die Personalkosten pro Pick drastisch sinken.
- Platzersparnis: Ein AKL nutzt die Raumhöhe bis unter die Decke. Auf gleicher Grundfläche passen drei- bis fünfmal so viele Lagerplätze wie in ein konventionelles Fachbodenregal.
- Fehlerquote: Pick-by-Light und automatische Behälterbereitstellung senken die Kommissionierfehler auf unter 0,1 %. Im statischen System liegt die Quote oft bei 0,3 bis 0,5 %.
Gegenargument: Für sperrige Güter, geringe Pickfrequenz oder stark wechselnde Sortimente ist das System zu starr und zu teuer.
Zurück zum Kommissionierplatz
Die Störung von 14:20 Uhr ist nach 35 Minuten behoben. Das LVS hat die Aufträge nach Versandschluss priorisiert, die dringendsten Behälter kommen zuerst. Bis 16 Uhr schafft das Team den Rückstand, weil die Normalleistung bei 600 Picks pro Stunde liegt und der Ausfall rund 350 Picks gekostet hat.
Genau das zeigt Stärke und Schwäche des Systems in einem Moment: extrem produktiv, wenn es läuft. Komplett abhängig von funktionierender Technik, wenn es steht.
🤔 Frage dich: Schätze: Ab wie vielen Picks pro Tag rechtfertigt sich eine AKL-Investition von 500.000 Euro, wenn eine Person im statischen System 80 Picks pro Stunde schafft?
Teste dein Wissen
Du absolvierst dein Praktikum im Lager. Im alten Bereich läuft die Kollegin selbst zum Regal. Im neuen AKL-Bereich steht sie still. Wie gelangt die Ware zu ihr?