Warum zeigt deine Bestandsrechnung ein falsches Bild?
775 Paletten im Durchschnitt - aber wo war der Platz im Sommer?
Kann eine korrekte Rechnung ein falsches Ergebnis liefern? Elif, Prozessoptimiererin im Lagerbüro, stellt genau das fest. Ihre Excel-Tabelle für den Quartalsbericht zeigt: Anfangsbestand Januar 800 Paletten, Endbestand Dezember 750. Ergebnis: 775 Paletten im Durchschnitt. Rechnerisch stimmt das. Aber Elif war im Juli und August selbst dabei, als über 1.400 Paletten im Lager standen und Ware auf dem Hof abgestellt werden musste.
Mit 775 statt des realen Durchschnitts sieht die Kapitalbindung harmlos aus. Die Geschäftsleitung genehmigt keine Zusatzfläche. Nächsten Sommer steht wieder Ware draußen. Was passiert, wenn auch der Meldebestand auf einem solchen Durchschnittswert basiert? Bei der Stichtagsinventur hast du Bestände an einem einzigen Tag erfasst. Elifs einfache Formel macht im Grunde dasselbe: Sie schaut nur auf zwei Tage im Jahr.
Die einfache Formel und ihre Grenzen
Elifs Rechnung folgt der einfachen Durchschnittsformel:
Ø Lagerbestand = (Anfangsbestand + Endbestand) / 2
Für ihren Artikel: (800 + 750) / 2 = 775 Paletten
Diese Formel funktioniert bei Gleichlaufartikeln, also Artikeln mit gleichmäßigem Verbrauch über das Jahr. Schwankt der Bestand kaum, liefert sie ein brauchbares Ergebnis.
Bei Saisonartikeln versagt sie. Sie berücksichtigt nur zwei Zeitpunkte: den ersten und den letzten Tag des Jahres. Die 1.400 Paletten im Hochsommer, die leeren Regale im Winter: alles fällt unter den Tisch.
🎬 Vorstellung: Denk an einen Artikel in deinem Betrieb, dessen Bestand sich über das Jahr deutlich verändert. Wie groß wäre die Abweichung zwischen dem schwächsten und dem stärksten Monat?
Wie rechnet die erweiterte Formel?
13 Werte statt 2 Zeitpunkte
Elifs einfache Formel nutzt nur zwei Werte. Die erweiterte Durchschnittsformel nimmt den Anfangsbestand plus alle zwölf Monatsendbestände und teilt durch 13:
Ø Lagerbestand = (Anfangsbestand + Σ Monatsendbestände Jan bis Dez) / 13
Elifs Daten (in Paletten): AB: 800 | Jan: 830 | Feb: 880 | Mrz: 980 | Apr: 1.100 | Mai: 1.250 | Jun: 1.380 | Jul: 1.420 | Aug: 1.380 | Sep: 1.150 | Okt: 920 | Nov: 810 | Dez: 750
Summe: 13.650. Geteilt durch 13 ergibt das 1.050 Paletten.
Die einfache Formel sagt 775, die erweiterte 1.050. Eine Differenz von 275 Paletten, rund 35 %.
🔮 Bevor du weiterliest: Elif legt beide Ergebnisse der Geschäftsleitung vor. Welche konkreten Entscheidungen fallen anders aus, wenn statt 775 plötzlich 1.050 Paletten als Durchschnitt stehen?
Warum die erweiterte Formel überlegen ist
Drei Gründe machen die erweiterte Formel bei Saisonartikeln zur besseren Wahl:
- Sie erfasst die Spitzenbestände im Sommer. Die einfache Formel übersieht den Juli-Peak von 1.420 Paletten komplett.
- Sie bildet den gesamten Bestandsverlauf ab. Zwölf Messpunkte plus Anfangsbestand ergeben ein realistisches Bild der Kapitalbindung.
- Sie liefert eine belastbare Basis für Folgekennzahlen wie Umschlagshäufigkeit und Lagerreichweite. Basieren diese auf 775 statt 1.050, werden auch sie verfälscht.
Mit 1.050 Paletten als Planungsgrundlage sieht die Geschäftsleitung den Sommerpeak. Investitionen in Zusatzfläche oder eine bessere Bestandssteuerung werden begründbar.
Welche Daten brauchst du aus dem WMS?
Monatsendbestände oder Tagesbestände?
Elif hat die Monatsendbestände aus dem WMS (Warehouse Management System) exportiert. Aber reichen Monatsendbestände immer aus?
Zwei Argumente sprechen dafür, bei bestimmten Artikeln Tagesbestände zu verwenden:
- Wenn der Bestand innerhalb eines Monats stark schwankt, bildet der Wert am Monatsletzten die Realität nicht ab. Ein Aktionsartikel kann am 5. Juli bei 2.000 Paletten liegen und am 31. Juli bei 1.200. Der Monatsendwert zeigt nur die 1.200.
- Bei verderblicher Ware oder Schnelldrehern mit täglicher Nachlieferung verzerren einzelne Stichtage das Bild genauso wie Elifs einfache Zwei-Tage-Formel.
Monatsendbestände reichen, wenn der Bestand sich innerhalb jedes Monats gleichmäßig verteilt. Schwankt er innerhalb weniger Tage um mehr als 20 %, liefern Tagesbestände das genauere Ergebnis.
Elifs Quartalsbericht mit den richtigen Zahlen
Elif prüft ihren Saisonartikel: Die Monatsendbestände schwanken stark über das Jahr, aber innerhalb eines Monats bleibt der Bestand relativ stabil. Monatsendbestände reichen hier aus.
Sie ersetzt die 775 im Quartalsbericht durch 1.050 Paletten und ergänzt eine Spalte mit den zwölf Monatswerten. Die Geschäftsleitung sieht jetzt den Sommerpeak und kann rechtzeitig Zusatzfläche einplanen. Kein Regen mehr auf der Ware.
🤔 Frage dich: Was wäre die Folge, wenn Elif für einen Aktionsartikel mit wöchentlichen Werbeaktionen nur die Monatsendbestände nutzt - überschätzt oder unterschätzt sie den tatsächlichen Durchschnittsbestand?
Teste dein Wissen
Du berechnest den Durchschnittslagerbestand eines Gleichlaufartikels: Anfangsbestand 600 Paletten, Endbestand 540 Paletten. Was ergibt die korrekte Anwendung der einfachen Formel?