Warum ist die kürzeste Route nach Mailand gerade die teuerste?
Andrejs Problem: Brenner dicht, Zeitfenster eng
Andrej scrollt durch die Verkehrsmeldungen, als ein neuer Auftrag auf seinem Bildschirm erscheint. 24 Paletten Industrieteile, Abholung morgen früh in Nürnberg, Ankunft Donnerstag 6:00 Uhr in Mailand. Bei Verspätung: 2.500 Euro Konventionalstrafe pro Tag. Ein zweites Fahrzeug ist kurzfristig nicht verfügbar.
Die naheliegende Route wäre der Brenner - rund 600 km, normalerweise 7 Stunden. Aber die Meldung ist eindeutig: Blockabfertigung (LKW werden nur in Gruppen durchgelassen), prognostizierte Wartezeit 12 Stunden. Nach dieser Wartezeit wäre die Tageslenkzeit komplett aufgebraucht.
Aus dem Bereich Verkehrswege in Europa weißt du, dass für Sendungen nach Norditalien mehrere Alpenübergänge existieren. Aber welche davon funktionieren unter den heutigen Bedingungen?
Fünf Faktoren für die Streckenwahl
Andrej listet die Kriterien auf, die seine Entscheidung bestimmen:
- Je nach Route schwanken die Mautgebühren um 130 bis 360 Euro
- Maximal 9 Stunden am Tag: Die Lenkzeiten nach VO (EG) 561/2006 setzen harte Grenzen
- Aktuelle Stauprognosen zeigen Blockabfertigung und Baustellen auf den Alpenübergängen
- Jeder Umweg treibt die Treibstoffkosten hoch - 100 Extra-Kilometer kosten rund 50 Euro Diesel
- Donnerstag 6:00 Uhr ist fix: Das Lieferzeitfenster duldet keine Verspätung
Keiner dieser Faktoren allein gibt den Ausschlag. Die Frage ist: Welche Route hält allen fünf stand?
🎬 Vorstellung: Du sitzt an Andrejs Platz. Verkehrsmeldungen links, Tourenplanung rechts, der Auftrag vor dir. Welche der drei Routen auf der Karte würdest du zuerst genauer prüfen?
Welche Route besteht die Nutzwertanalyse?
Drei Varianten auf dem Prüfstand
Andrej setzt eine Nutzwertanalyse auf - ein Bewertungsraster, das jede Route anhand gewichteter Kriterien auf einer Skala von 0 bis 5 Punkten bewertet. Drei Varianten stehen zur Wahl:
Brenner-LKW (600 km): Kürzeste Strecke, aber die Blockabfertigung addiert 12 Stunden. Die Tageslenkzeit von 9 Stunden wäre überschritten. Das Zeitfenster ist nicht einhaltbar.
Gotthard-LKW (700 km): Kein Stau am Gotthard. Aber in der Schweiz gilt ein Nachtfahrverbot für LKW über 3,5 Tonnen von 22:00 bis 05:00 Uhr. Bei Abfahrt am Nachmittag erreicht der LKW die Schweiz gegen 22 Uhr und muss dort bis 5 Uhr morgens stehen. Auch hier platzt das Zeitfenster.
Kombinierter Verkehr (KV): LKW bis zum Terminal bei Wörgl (280 km), dann Bahntransit über den Brenner bis Trento (4 Stunden), danach LKW weiter nach Mailand (230 km). Entscheidend: Die Bahnzeit zählt nach VO (EG) 561/2006 Art. 9 auf die Tagesruhezeit (NICHT auf die Pause nach Art. 7). Bedingung: dem Fahrer steht auf dem Zug eine Schlafkabine oder Liegekoje zur Verfügung. Die Tagesruhezeit darf höchstens zweimal durch andere Tätigkeiten (z.B. Verladung am Terminal) unterbrochen werden, zusammen höchstens 1 Stunde. Die reguläre Tagesruhezeit (11 h) oder die reduzierte (mind. 9 h) muss in Summe trotzdem erreicht werden.
Das Ergebnis der Bewertung
Brenner und Gotthard scheitern an den am höchsten gewichteten Kriterien: Lenkzeit (25 %) und Lieferzeitfenster (25 %). Beide erreichen dort 0 Punkte. Ihre Gesamtwerte: 0,90 und 0,70 von 5.
Der Kombinierte Verkehr kommt auf 4,85 Punkte. Er ist die einzige Variante, die das Zeitfenster einhält und die Lenkzeitvorgaben erfüllt. Die kürzeste Strecke auf der Karte wäre mit Strafe die teuerste Wahl.
🧑🏫 Erkläre es im Kopf: Jemand Neues in deinem Team fragt, warum die Gotthard-Route trotz freier Straße nicht funktioniert. Welche zwei Fakten müsstest du nennen?
Wie sieht Andrejs fertiger Routenplan aus?
Der Tourenplan Abschnitt für Abschnitt
Andrej erstellt den Tourenplan für den Kombinierten Verkehr. Trick: Die Bahnzeit wird so geplant, dass sie auf die reduzierte Tagesruhezeit (mind. 9 h) angerechnet wird - Schlafkabine im Zug ist gebucht.
- 13:00 Abfahrt Nürnberg nach Beladung
- 16:30 Ankunft KV-Terminal Wörgl (280 km, 3,5 h Lenkzeit)
- 17:00 Verladung abgeschlossen (30 min - zählt als zulässige Unterbrechung der Tagesruhezeit nach Art. 9)
- 17:00 Beginn der 9-stündigen reduzierten Tagesruhezeit (Schlafkabine im Zug)
- ~21:00-01:00 Bahntransit Wörgl → Trento, 4 h davon werden auf die Tagesruhezeit angerechnet (Art. 9 Abs. 1 VO 561/2006)
- 02:00 Ende der Tagesruhezeit, 30 min Entladung (zweite Unterbrechung, insgesamt ≤ 1 h)
- 02:30 Abfahrt Trento mit dem LKW
- 05:00 Ankunft Mailand - eine Stunde vor dem Zeitfenster
Gesamte Lenkzeit am Donnerstag: 2,5 h (Trento → Mailand) - die 3,5 h Nürnberg → Wörgl liegen am Mittwoch. Wichtig: Die Bahnzeit ist keine Pause im Sinne von Art. 7 und keine Lenkzeit, sondern Teil der Tagesruhezeit nach Art. 9. Kosten: 250 Euro Kraftstoff, 130 Euro Maut, 380 Euro KV-Gebühr, 260 Euro Fahrerkosten. Gesamt: 1.020 Euro. Hätte Andrej den Brenner gewählt und die Konventionalstrafe kassiert: über 3.200 Euro.
Andere Strecke, andere Gewichtung
Die fünf Planungsfaktoren bleiben bei jedem Auftrag dieselben. Aber ihre Gewichtung ändert sich. Bei einer Lieferung ohne Zeitdruck hätte der Brenner-LKW gewonnen: kürzeste Strecke, niedrigste Kosten, kein Umschlag nötig. Die Nutzwertanalyse ist kein starres Rezept, sondern ein Werkzeug, das du bei jedem Auftrag neu mit aktuellen Daten befüllst.
📝 Fasse mental zusammen: Welche fünf Faktoren bestimmen die Routenwahl, und warum hat der Kombinierte Verkehr in Andrejs Fall gewonnen?
Teste dein Wissen
Andrej soll bis Donnerstag 6:00 Uhr in Mailand sein — bei Verspätung drohen 2.500 €. Am Brenner steht eine Blockabfertigung mit 12 h Wartezeit an. Welche Konsequenz hat dies für den Auftrag?