Packmittel: Physikalische Eigenschaften
Welcher Karton hält die Stapellast aus?
35 Kilo Motor, zwei Kartons, eine Entscheidung
Zwei Wellpappmuster liegen vor dir auf dem Prüftisch. Mittwochnachmittag, 13:45 Uhr, Materialprüfung. Eines ist 2-wellig, das andere 3-wellig. Beide passen von den Maßen her um den 35 kg schweren Elektromotor, der heute noch raus muss. Dein Kollege hat auf dem Laufzettel notiert: vier Lagen Stapelhöhe im Lkw. Das bedeutet, der unterste Karton trägt das Gewicht von drei weiteren Kartons über sich. Wählst du den falschen, knickt die Verpackung ein und ein Motor für über 900 Euro ist Schrott. Welche physische Gütereigenschaft des Motors entscheidet hier, ob ein Standardkarton reicht oder nicht?
Warum der Wellenaufbau den Unterschied macht
Bei den Verpackungsstufen hast du gelernt, dass die Transportverpackung das Gut beim Versand schützt. Aber wie gut sie schützt, hängt vom Material ab. Bei Wellpappe bestimmt die Anzahl der Wellenbahnen die Belastbarkeit. Eine 2-wellige Wellpappe (auch Doppelwelle) besteht aus zwei gewellten Schichten zwischen drei glatten Deckenbahnen. Eine 3-wellige Wellpappe (Dreifachwelle) hat drei gewellte Schichten und vier Deckenbahnen. Jede zusätzliche Wellenschicht erhöht die Stapeldruckfestigkeit und die Tragfähigkeit, macht den Karton aber auch schwerer und teurer. Die entscheidende Frage lautet: Ab welchem Gewicht reicht die 2-Welle nicht mehr?
Wie unterscheiden sich die Kennwerte von 2-Welle und 3-Welle?
Tragfähigkeit, ECT-Wert und Eigengewicht im Vergleich
Beim Stapeln wirkt die Kraft senkrecht auf die Kartonkante. Genau das misst der ECT-Wert (Edge Crush Test): die Kantenstauchfestigkeit in kN/m. Hier die typischen Richtwerte:
Die Einsatzgrenze liegt bei etwa 25 kg Gutgewicht: Für Güter darüber ist 2-wellige Wellpappe in der Regel nicht ausreichend, weil der ECT-Wert den Stapeldruck bei mehreren Lagen nicht sicher abfängt. Dein 35-kg-Motor liegt klar über dieser Grenze.
Wie findest du heraus, ob ein bestimmter Kartontyp die nötige Festigkeit mitbringt?
Genau hier kommt der FEFCO-Katalog ins Spiel (Fédération Européenne des Fabricants de Carton Ondulé). Dieser internationale Standard klassifiziert Wellpapp-Verpackungen nach Bauformen. Jeder Kartontyp bekommt einen vierstelligen Code, zum Beispiel FEFCO 0201 für den klassischen Faltkarton mit Klappdeckel. Zu jedem FEFCO-Typ liefert das Hersteller-Datenblatt die konkreten Festigkeitswerte: ECT, BCT (Box Compression Test = Stapeldruckfestigkeit der gesamten Schachtel) und Materialstärke. In der Praxis funktioniert die Prüfung so: Du liest den BCT-Wert des Kartons aus dem Datenblatt ab, berechnest die Stapellast (Gewicht pro Karton mal Anzahl der Lagen minus eins) und vergleichst. Ist der BCT-Wert höher als die Stapellast, ist der Karton geeignet.
Zurück zum Motor: Wie fällt die Entscheidung?
Die FEFCO-Prüfung für den Elektromotor
Zurück am Prüftisch. Du gehst die Schritte durch:
- Stapellast berechnen: 4 Lagen bedeuten, der unterste Karton trägt 3 Kartons über sich. Stapellast = 3 x 35 kg = 105 kg.
- BCT-Wert ablesen: Das Datenblatt zum 3-welligen FEFCO 0201 gibt einen BCT von ca. 450 kg an. Der 2-wellige Karton kommt auf ca. 120 kg.
- Vergleich: 120 kg BCT beim 2-Welligen liegt nur knapp über 105 kg Stapellast. Kein Sicherheitspuffer, besonders wenn Feuchtigkeit oder Transportvibrationen hinzukommen. Der 3-Wellige mit 450 kg BCT bietet dagegen eine klare Reserve.
Ergebnis: Der 2-wellige Karton ist ungeeignet. Die 3-wellige Variante ist die richtige Wahl, weil ihr BCT-Wert die Stapellast mit ausreichend Sicherheitsreserve übersteigt.
Über den Motor hinaus: Packmittelwahl in anderen Szenarien
Die Methode bleibt gleich, auch wenn sich das Gut ändert. Bei zerbrechlicher Glasware im Paketversand steht nicht die Stapeldruckfestigkeit im Vordergrund, sondern der Stoßschutz und die Polsterung im Inneren. Trotzdem prüfst du den ECT-Wert, denn auch Pakete werden im Zustellfahrzeug gestapelt. Beim Seefracht-Export kommt eine weitere physikalische Eigenschaft ins Spiel: der Feuchtigkeitsschutz. Standard-Wellpappe verliert bei hoher Luftfeuchtigkeit bis zu 50 % ihrer Festigkeit. Für Überseetransporte greifen Logistikfachkräfte deshalb oft zu seewasserfesten Sperrholzkisten oder beschichteter Wellpappe. Zwei Fragen helfen dir bei jeder Packmittelentscheidung: Welche physikalischen Belastungen wirken auf das Gut? Und: Welche Kennwerte des Packmittels müssen diese Belastungen abfangen?
Lernziele
- Das geeignete Packmittel für konkrete Versandsituationen anwenden, indem in 3 von 4 Fallszenarien (z.B. 35 kg Elektromotor als Seefracht-Export, zerbrechliche Glasware als Paketversand) die Packmittelentscheidung mit Verweis auf mindestens 2 physikalische Eigenschaften des Packmittels (z.B. Kantenstauchfestigkeit, Feuchtigkeitsschutz, Traglast) schriftlich begründet wird
- Die Eignung eines Faltkartons anhand des FEFCO-Katalogs überprüfen, indem der relevante Kantenstauchfestigkeitswert aus dem Katalog abgelesen, mit dem Anforderungswert des Transportguts verglichen und die Eignung mit einer Ja/Nein-Aussage sowie einer auf den Kennwert gestützten Begründung in einem Satz schriftlich festgehalten wird
- 2-wellige und 3-wellige Wellpappe nach physikalischen Eigenschaften vergleichen, indem Tragfähigkeit (in kg), Stapeldruckfestigkeit (ECT-Wert) und Eigengewicht tabellarisch gegenübergestellt und die Einsatzgrenze für Güter über 25 kg mit Verweis auf mindestens einen dieser Kennwerte begründet benannt wird