Lernfeld 6: Güter verpacken

Kreislaufwirtschaft und Mehrwegsysteme

Lerninhalt aus der Ausbildung zum Fachlagerist:in

Kreislaufwirtschaft und Mehrwegsysteme

Warum lösen Einwegpaletten das Palettenproblem nicht?

120 Europaletten fehlen im Tauschpool

"Wir haben ein Problem", sagt deine Teamleiterin und zeigt auf den Beamer. Donnerstagvormittag, 10 Uhr, Mehrwegsystem-Besprechung. Auf dem Palettenkontoauszug fehlen 120 Europaletten. Zwei Speditionen haben Paletten bei Kund:innen abgeliefert, aber keine zurückgenommen. Für den Warenausgang am Montag reicht der Bestand nicht. Ein Kollege schlägt vor: "Bestellen wir einfach Einwegpaletten."

Deine Teamleiterin schüttelt den Kopf. Neue Einwegpaletten kosten rund 1.500 Euro, landen nach einmaliger Nutzung im Abfall und verschlechtern die CO2-Bilanz. Und nächsten Monat fehlen wieder Paletten, weil das eigentliche Problem nicht gelöst ist: die fehlende Rückführung.

Beim Thema Rückführung von Europaletten und Gitterboxen hast du gesehen, dass ein funktionierendes Mehrwegsystem auf Sammelstellen, Zählkontrollen und feste Rückgabewege angewiesen ist. Genau diese Kette ist hier unterbrochen.

Kreislauf statt Einbahnstraße

Das Palettenproblem zeigt den Kern der Kreislaufwirtschaft (Circular Economy): Verpackungen und Ladungsträger sollen nicht nach einmaliger Nutzung zu Abfall werden, sondern in einem geschlossenen Kreislauf bleiben. Im Einwegsystem wandert das Material auf einer Einbahnstraße von der Herstellung über die Nutzung direkt in den Abfall. Im Mehrwegsystem durchläuft es einen Kreislauf aus Nutzung, Rückführung und Aufbereitung. Die Kreislaufwirtschaft überträgt dieses Prinzip auf die gesamte Wirtschaft: Produkte und Materialien sollen so lange wie möglich im Umlauf bleiben.

Einweg oder Mehrweg: Wo liegen die strukturellen Unterschiede?

Drei Merkmale im direkten Vergleich

Ein geschlossenes Mehrwegsystem wie der Europaletten-Pool unterscheidet sich in drei strukturellen Merkmalen grundlegend von einem offenen Einwegsystem:

  1. Rückführung: Im Mehrwegsystem ist die Rückgabe vertraglich geregelt. Jede Palette wird nach der Nutzung zur Sammelstelle gebracht, geprüft und erneut eingesetzt. Im Einwegsystem gibt es keinen Rückgabeweg. Die Palette wird entsorgt oder bestenfalls recycelt.
  2. Eigentümerstruktur: Mehrwegpaletten gehören einem Pool oder Tauschsystem (z. B. EPAL-Tauschpool). Alle Beteiligten tauschen nach festen Regeln. Einwegpaletten gehören dem Absender und gehen mit der Ware an die Empfänger:innen über, ohne Rückgabepflicht.
  3. Reinigungsaufwand: Mehrwegladungsträger müssen regelmäßig gereinigt, repariert und auf ihren Zustand geprüft werden. Einwegverpackungen entfallen hier komplett, verursachen dafür laufend Neubeschaffungskosten.

Der CO2-Vorteil des Mehrwegsystems

Beim Thema Ökobilanz hast du bereits untersucht, wie sich CO2-Ausstoß pro Einsatz und Anzahl der Nutzungszyklen auf die Gesamtbilanz auswirken. Genau das zeigt sich hier: Eine Europalette im Tauschpool durchläuft im Schnitt 20 bis 25 Umläufe. Pro Umlauf fallen dabei nur die Emissionen für Rücktransport und Reparatur an. Eine Einwegpalette aus Holz verursacht bei jeder Neuproduktion rund 25 kg CO2. Über 20 Einsätze gerechnet spart das Mehrwegsystem also bis zu 475 kg CO2 pro Palette gegenüber 20 einzelnen Einwegpaletten. Der Rücktransport verbraucht zwar Energie, wird aber durch die vielfache Wiederverwendung mehr als kompensiert.

Welche Akteure müssen zusammenarbeiten, damit der Kreislauf funktioniert?

Aufgaben der drei Akteursgruppen

In der Besprechung wurde deutlich: Das Palettenproblem liegt nicht bei einer einzelnen Abteilung. Eine funktionierende Kreislaufwirtschaft bei Verpackungen braucht das Zusammenspiel von drei Akteursgruppen:

Hersteller (z. B. Verpackungsproduzenten):

  • Verpackungen so gestalten, dass sie mehrfach nutzbar oder sortenrein recycelbar sind
  • Materialzusammensetzung dokumentieren und an Entsorger weitergeben

Logistikdienstleister (z. B. Speditionen, Lagerbetriebe):

  • Ladungsträger nach Nutzung zählen, prüfen und an Sammelstellen zurückführen
  • Rückgabequoten vertraglich einhalten und dokumentieren

Entsorger und Aufbereiter (z. B. Recyclingunternehmen, Paletten-Reparaturbetriebe):

  • Rückgeführte Materialien sortieren und aufbereiten
  • Qualitätsstandards für wiedereingesetzte Verpackungen sicherstellen

Kritische Abhängigkeiten in der Kreislaufkette

Fällt auch nur ein Glied aus, bricht der Kreislauf. Zwei besonders kritische Abhängigkeiten:

Informationsfluss: Wenn Hersteller die Materialzusammensetzung nicht an Entsorger melden, können diese Verbundverpackungen nicht sortenrein trennen. Das Recycling scheitert, obwohl das Material theoretisch verwertbar wäre.

Rückgabequote: Genau das Problem aus der Besprechung. Wenn Speditionen die vertragliche Rückgabepflicht ignorieren, schrumpft der Palettenpool. Ohne verbindliche Vertragsgestaltung mit Konventionalstrafen fehlt der Anreiz zur Rückführung. Die Folge: Das Unternehmen muss Einwegpaletten nachkaufen, und der Kreislauf wird zur Einbahnstraße.

Erfüllt ein Verpackungskonzept die Anforderungen der Kreislaufwirtschaft?

Vier Bewertungskriterien nach dem Kreislaufwirtschaftsgesetz

Um ein Verpackungskonzept auf Konformität mit dem Kreislaufwirtschaftsgesetz (KrWG) zu prüfen, helfen vier Kriterien:

  1. Rezyklierbarkeit: Lässt sich das Material sortenrein trennen und wiederverwerten? Verbundmaterialien (z. B. Kunststoff-Aluminium-Folien) sind problematisch, weil die Trennung technisch aufwendig oder unmöglich ist.
  2. Mehrwegfähigkeit: Ist die Verpackung für mehrere Umläufe ausgelegt? Kriterien sind Stabilität, Reinigungsfähigkeit und standardisierte Maße.
  3. Materialreduktion: Wurde der Materialeinsatz auf das nötige Minimum reduziert? Überverpackung widerspricht dem Vermeidungsgrundsatz der Abfallhierarchie.
  4. Rücknahmekonzept: Gibt es einen dokumentierten Rückgabeweg? Ohne Rücknahmelogistik bleibt selbst eine mehrwegfähige Verpackung im Einwegeinsatz.

Vom Prüfen zum Verbessern

Zurück zur Besprechung: Deine Teamleiterin hat nach der Diskussion entschieden, die Speditionen vertraglich stärker in die Pflicht zu nehmen und die Rückgabequoten monatlich zu kontrollieren. Das Einwegpaletten-Problem wird nicht durch Nachkauf gelöst, sondern durch ein funktionierendes Rücknahmekonzept.

Wenn du selbst ein Verpackungskonzept beurteilst, gehe die vier Kriterien der Reihe nach durch. Jede Abweichung ist ein konkreter Verbesserungshinweis: Ist die Rezyklierbarkeit schlecht? Dann prüfe, ob ein Monomaterial den Verbundwerkstoff ersetzen kann. Fehlt ein Rücknahmekonzept? Dann plane Sammelstellen, Zählkontrollen und vertragliche Rückgabepflichten ein.

Lernziele

  • Geschlossene Mehrwegsysteme und offene Einwegsysteme nach strukturellen Merkmalen und CO2-Bilanz unterscheiden, indem mindestens 3 strukturelle Unterschiede (Rückführung, Eigentümerstruktur, Reinigungsaufwand) gegenübergestellt werden und der CO2-Vorteil des Mehrwegsystems durch einen konkreten Vergleichswert (z. B. eingesparte kg CO2 pro Umlauf gegenüber Einwegalternative) oder ein belegtes Praxisbeispiel dargestellt wird
  • Die Akteursabhängigkeiten in einer funktionierenden Kreislaufwirtschaft analysieren, indem für 3 der genannten Akteursgruppen je 2 konkrete Aufgaben und mindestens 2 kritische Abhängigkeiten (z.B. Informationsfluss, Vertragsgestaltung, Rückgabequote) benannt werden, die bei Ausfall die gesamte Kreislaufkette gefährden
  • Ein Verpackungskonzept auf seine Konformität mit den Grundsätzen der Kreislaufwirtschaft beurteilen, indem anhand von mindestens 4 Bewertungskriterien (Rezyklierbarkeit, Mehrwegfähigkeit, Materialreduktion, Rücknahmekonzept) begründet wird, ob das Konzept den Anforderungen des Kreislaufwirtschaftsgesetzes entspricht, und Abweichungen mit konkreten Verbesserungshinweisen benannt werden
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