Warum hat die Schrumpffolie gestern die Kartons zerdrückt?
Zwei Rollen, ein Problem
Welche Folie nimmst du, wenn eine falsche Wahl gestern 1.200 Euro gekostet hat? Freitagvormittag, 12:00 Uhr in der Palettensicherungszone. Deine Kollegin Selin hält zwei Folienrollen in der Hand. Die eine fühlt sich klebrig-elastisch an, die andere glatt und steif. Gestern hat jemand dieselbe Ware mit Schrumpffolie gesichert. Beim Kunden kamen die Kartons verformt an, die Reklamation liegt im System. Noch eine Reklamation und der Kunde kündigt den Rahmenvertrag.
Selin dreht sich zu dir: "Welche nehme ich, und warum hat die Schrumpffolie versagt?"
🎬 Vorstellung: Stell dir die beiden Folienrollen in deiner Hand vor - eine klebrig-elastisch, eine glatt und steif. Welche würdest du instinktiv um die Palette wickeln?
Stretchfolie hält, Schrumpffolie presst
Stretchfolie wird kalt verarbeitet. Du wickelst sie unter Zug um die Palette. Dabei dehnt sie sich und zieht sich anschließend zusammen. Diese Rückstellkraft hält die Ladung fest, ohne Druck auf den Inhalt auszuüben. Im Lager begegnet sie dir bei der Palettensicherung: Kartons bündeln, Getränkekisten stabilisieren.
Schrumpffolie braucht Wärme. Sie wird um das Produkt gelegt und mit einem Heißluftgebläse oder im Schrumpftunnel erhitzt. Dabei zieht sie sich eng um die Kontur und übt Druck aus. Du kennst sie von Sixpacks, eingeschweißten Büchern oder Displayverpackungen.
Genau dieser Druck war gestern das Problem: Die Schrumpffolie hat beim Erhitzen Selins leichte Kartons zusammengepresst. Stretchfolie hätte die Ladung fixiert, ohne sie zu verformen.
Welche Foliendicke passt zu welcher Ladung?
Mikrometer machen den Unterschied
Stretchfolie gibt es in verschiedenen Dicken, gemessen in Mikrometern (µm, in der Praxis oft "My" genannt). Je schwerer und instabiler die Ladung, desto dicker die Folie und desto mehr Wicklungen brauchst du.
🔮 Bevor du weiterliest: Eine Palette mit schweren Getränkekisten (ca. 800 kg) steht vor dir. Reichen 17 µm und 3 Wicklungen aus?
Drei Gewichtsklassen, drei Empfehlungen
Nein, 17 µm reichen für 800 kg nicht. Hier die Orientierungswerte:
- Leicht (Textilkartons, Schaumstoffteile): 17 µm, 3 Wicklungen. Wenig Gewicht drückt auf die unteren Lagen, die dünne Folie reicht aus.
- Mittelschwere Güter (Elektronik in Kartons, Lebensmittel): 20 µm, 3-4 Wicklungen. Mehr Rückstellkraft nötig, damit die Ladung bei Kurvenfahrten stabil bleibt.
- Schwere Güter (Getränkekisten, Baustoffe): 23-30 µm, 4-6 Wicklungen. Die dicke Folie verhindert, dass die Ladung durch ihr Eigengewicht seitlich ausbricht.
Selins Palette mit leichten Kartons? 17 µm, 3 Wicklungen. Genau die klebrig-elastische Rolle aus der Palettensicherungszone.
Was passiert mit der Folie nach dem Transport?
Verpackungsgesetz und Kreislaufwirtschaft
Selins Stretchfolie landet nach dem Auspacken beim Kunden im Abfall. Aber einfach wegwerfen reicht nicht. Das Verpackungsgesetz (VerpackG) schreibt vor: Wer Verpackungen in Verkehr bringt, muss sie bei einem dualen System (z.B. Grüner Punkt) lizenzieren und im LUCID-Register anmelden. Dein Betrieb meldet dort die Folienmengen, die er pro Jahr einsetzt.
Konkret gilt nach § 16 VerpackG für Kunststoffverpackungen: Die dualen Systeme müssen mindestens 90 Masseprozent der Kunststoffe einer Verwertung zuführen, und seit dem 1. Januar 2022 mindestens 70 Prozent dieser Verwertungsquote durch werkstoffliche Verwertung (echtes Recycling, kein bloßes Verbrennen) sicherstellen.
Das Kreislaufwirtschaftsgesetz (KrWG) bildet den übergeordneten Rahmen und legt die Abfallhierarchie fest: Vermeidung vor Wiederverwendung vor Recycling vor sonstiger Verwertung vor Beseitigung.
Warum Stretchfolie beim Recycling punktet
Stretchfolie besteht meistens aus reinem Polyethylen (PE). Sortenreines PE lässt sich gut recyceln, weil es ohne aufwendige Trennung eingeschmolzen werden kann.
Schrumpffolie wird in Europa heute überwiegend aus Polyethylen (PE) oder Polyolefin (POF) hergestellt. Beide sind sortenrein recycelbar. PVC-Schrumpffolie kommt nur noch als Sonderfall vor (z.B. Etiketten-Sleeves), weil regulatorischer Druck (Kreislaufwirtschaft, EU-Verpackungsverordnung) und Kundenanforderungen den Wechsel zu chlorfreien Polyolefinen forcieren. Wo Schrumpffolie aus PVC oder mehrschichtigen Verbundkunststoffen verarbeitet wird, sind diese Mischkunststoffe schwerer zu recyceln und landen häufiger in der thermischen Verwertung statt im Recycling.
Für deinen Betrieb heißt das: Jede Tonne sortenrein gesammeltes PE oder POF verbessert die Recyclingquote. PVC und Mischkunststoffe verschlechtern sie.
🤔 Frage dich: Was unterscheidet die Entsorgung von Selins sortenreiner PE-Stretchfolie von einer PVC- oder Mehrschicht-Schrumpffolie, wenn du an die Recyclingquote deines Betriebs denkst?
Teste dein Wissen
Selin hält zwei Folienrollen: eine klebrig-elastisch, eine glatt-steif. Die gestrige Reklamation entstand durch Schrumpffolie auf empfindlichen Kartons. Welche Folie wählt Selin jetzt zur Palettensicherung?