Automatisierung von Verpackungsprozessen bewerten
Rechnet sich der Kartonaufrichter?
Die Investitionsfrage auf dem Tisch
Du blätterst durch die Kostenaufstellung, die deine Teamleiterin für die Investitionsbesprechung zusammengestellt hat. Auf dem Flipchart steht das Angebot: 38.000 Euro für einen vollautomatischen Kartonaufrichter mit Volumenreduktion. Daneben die unbequemen Zahlen: Personalkosten pro Karton, Überstundenzuschläge, zwei Krankheitsausfälle wegen Handgelenkbeschwerden. Euer Team richtet täglich 600 Kartons per Hand auf. Die Frage im Raum: Lohnt sich die Maschine, oder verbrennt ihr 38.000 Euro? Du brauchst eine Amortisationsrechnung, die genau das klärt.
Zwei Szenarien durchgerechnet
Die Amortisationszeit gibt an, nach wie vielen Jahren die Einsparungen die Investition eingeholt haben. Die Formel: Anschaffungskosten / jährliche Nettoeinsparung.
Gemeinsame Ausgangsdaten:
- Anschaffung: 38.000 Euro
- Betriebskosten (Strom, Wartung, Verschleiß): 3.600 Euro/Jahr
- Einsparung pro Karton (Personalkosten): 0,10 Euro
- Arbeitstage pro Jahr: 250
Szenario A - 500 Stück/Tag:
- Jährliche Einsparung: 500 × 0,10 × 250 = 12.500 Euro
- Nettoeinsparung: 12.500 - 3.600 = 8.900 Euro
- Amortisation: 38.000 / 8.900 = 4,3 Jahre
Szenario B - 1.500 Stück/Tag:
- Jährliche Einsparung: 1.500 × 0,10 × 250 = 37.500 Euro
- Nettoeinsparung: 37.500 - 3.600 = 33.900 Euro
- Amortisation: 38.000 / 33.900 = 1,1 Jahre
Der Break-even-Punkt für eine Amortisation unter 3 Jahren liegt bei rund 650 Kartons pro Tag. Mit euren 600 Stück seid ihr knapp darunter. Die tägliche Stückzahl entscheidet, ob die Investition aufgeht.
Was verraten die Kennzahlen über die Stretchwickelmaschine?
Drei Kennzahlen im Vorher-Nachher-Vergleich
Die Amortisationsrechnung zeigt die finanzielle Seite. Bei einer Stretchwickelmaschine kommt ein weiterer Faktor hinzu: die Gesundheit der Beschäftigten. Um beide Dimensionen zu erfassen, brauchst du messbare Kennzahlen vor und nach der Automatisierung. Hier ein Beispiel aus einem E-Commerce-Lager mit 80 Paletten pro Schicht:
Der REBA-Score (Rapid Entire Body Assessment) misst, wie stark eine Tätigkeit den Körper belastet. Die Skala reicht von 1 bis 15. Ab einem Wert von 8 gilt: sofort handeln.
Was die Zahlen für den Arbeitsalltag bedeuten
Die drei Kennzahlen wirken auf unterschiedlichen Ebenen:
- Zykluszeit: Der Rückgang von 4,5 auf 1,8 Minuten bedeutet eine Reduktion um 60 %. Bei 80 Paletten spart das Team pro Schicht über 3,5 Stunden reine Wickelzeit. Diese Kapazität steht für andere Aufgaben frei.
- Fehlzeitenquote: Die Halbierung von 8,2 auf 4,1 % senkt den Vertretungsbedarf und die Kosten für Leiharbeit. Gleichzeitig steigt die Planungssicherheit in der Schichtbesetzung.
- REBA-Score: Der Sprung von 9 auf 3 verschiebt die Bewertung von "hohes Risiko, sofortige Maßnahme nötig" zu "geringes Risiko". Das reduziert langfristig Berufskrankheiten und stärkt die Mitarbeitendenakzeptanz der neuen Technik.
Entscheidend ist: Keine einzelne Kennzahl reicht für eine fundierte Analyse. Erst die Kombination aus Durchlaufzeit, Gesundheitsdaten und ergonomischer Bewertung ergibt ein vollständiges Bild.
Wann lohnt sich die Investition wirklich?
ROI, Payback und die weichen Faktoren
Die Amortisationsrechnung beantwortet nur eine Frage: Wann ist das Geld wieder drin? Für eine vollständige Investitionsbewertung brauchst du zwei weitere Werkzeuge:
- ROI (Return on Investment): Wie viel Rendite bringt jeder investierte Euro pro Jahr? Formel: (jährliche Nettoeinsparung / Investition) × 100 Szenario A (500 Stück): (8.900 / 38.000) × 100 = 23,4 % Szenario B (1.500 Stück): (33.900 / 38.000) × 100 = 89,2 %
- Payback-Periode: Entspricht bei der statischen Betrachtung der Amortisationszeit (4,3 bzw. 1,1 Jahre).
Zahlen allein reichen aber nicht. Qualitative Faktoren können eine Investition rechtfertigen, selbst wenn die Payback-Periode lang ist:
- Ergonomie: Hoher REBA-Score erzwingt Handlungsbedarf, auch bei niedrigem ROI.
- Fehlerquote: Automatisierung senkt Verpackungsfehler und damit Retourenkosten.
- Mitarbeitendenakzeptanz: Ohne Schulung und Einbindung des Teams scheitert die beste Maschine im Alltag.
Drei Szenarien auf dem Prüfstand
Zum Abschluss der Besprechung liegen drei Investitionsvorschläge auf dem Tisch:
Szenario 1: Kartonaufrichter, 800 Stück/Tag, ROI 31 %, Payback 3,2 Jahre, REBA vorher: 7 (mittleres Risiko)
Szenario 2: Stretchwickelmaschine, 40 Paletten/Tag, ROI 45 %, Payback 2,2 Jahre, REBA vorher: 9 (hohes Risiko)
Szenario 3: Verschließmaschine, 200 Stück/Tag, ROI 12 %, Payback 8,3 Jahre, REBA vorher: 4 (geringes Risiko)
Eine fundierte Empfehlung nennt nicht nur "Ja" oder "Nein", sondern begründet die Entscheidung mit konkreten Schwellenwerten: Ab welcher Stückzahl kippt das Ergebnis? Welcher qualitative Faktor gibt den Ausschlag?
Lernziele
- Den Amortisationszeitraum einer Investition in einen vollautomatischen Kartonaufrichter berechnen, indem Anschaffungskosten, jährliche Betriebskosten und eingesparte Personalkosten in eine Amortisationsrechnung überführt und das Ergebnis für 2 verschiedene Tagsstückzahlszenarien (z. B. 500 und 1.500 Einheiten) mit ausgewiesenem Break-even-Punkt dokumentiert wird
- Die kombinierten Auswirkungen einer neuen Stretchwickelmaschine auf Durchlaufzeit und Ergonomie analysieren, indem mindestens 3 Kennzahlen (z. B. Zykluszeit pro Palette, Fehlzeitenquote, ergonomische Risikobewertung nach REBA oder vergleichbarem Verfahren) vor und nach der Automatisierung gegenübergestellt und die Hauptwirkungen begründet herausgearbeitet werden
- Eine Investition in Verpackungsautomatisierung unter Abwägung von ROI und qualitativen Faktoren beurteilen, indem ROI, Payback-Periode sowie qualitative Faktoren (Ergonomie, Fehlerquote, Mitarbeitendenakzeptanz) in einer Gesamtbewertung abgewogen und für 2 von 3 vorgelegten Investitionsszenarien eine begründete Empfehlung mit Mindest-Stückzahlgrenze formuliert wird