Ladungssicherung: Methoden und Hilfsmittel
Warum reichen Antirutschmatten bei 1.200 kg nicht aus?
Dienstag, 09:30 Uhr, Rampe 3
Ein Zurrgurt schlägt im Wind gegen die Pritsche. Auf der Ladefläche steht eine 1.200 kg schwere CNC-Fräse, darunter zwei Antirutschmatten. Vier Zurrgurte liegen daneben. Dein Kollege ist schon zur Baustelle gefahren. Du sollst die Maschine transportsicher machen.
Die Antirutschmatten erhöhen den Reibbeiwert und damit den Kraftschluss zwischen Fräse und Ladefläche. Aber bei einer Vollbremsung wirkt die Massenträgheitskraft nach vorn: Bei 1.200 kg und einer Verzögerung von 8 m/s² sind das 9.600 Newton. Die Reibung allein kann diese Kraft nicht aufnehmen. Rutscht die Fräse, drohen 15.000 Euro Schaden und Gefahr für andere Verkehrsteilnehmende.
Drei Methoden im Überblick
Für die Ladungssicherung stehen dir drei Ansätze zur Verfügung:
- Niederzurren: Zurrgurte drücken die Ladung von oben auf die Ladefläche. Die erhöhte Anpresskraft verstärkt den Kraftschluss. Geeignet für schwere, kompakte Güter mit niedrigem Schwerpunkt.
- Direktes Zurren: Zurrgurte halten die Ladung seitlich oder diagonal fest. Das erzeugt Formschluss, die Ladung kann sich in keine Richtung bewegen. Nötig bei hohem Schwerpunkt oder fehlender Reibfläche.
- Antirutschmatten allein: Erhöhen nur die Reibung. Als alleinige Sicherung reichen sie nur bei sehr leichten Gütern und niedrigen Verzögerungswerten.
Niederzurren Schritt für Schritt
Die CNC-Fräse mit Niederzurren sichern
Die CNC-Fräse steht noch auf der Pritsche. Für das Niederzurren gehst du nach DIN EN 12195 so vor:
- Antirutschmatten prüfen: Sie müssen vollflächig unter der Fräse liegen. Der Reibbeiwert steigt dadurch auf ca. 0,6.
- Zurrgurtanzahl bestimmen: Bei 1.200 kg und Niederzurren brauchst du mindestens zwei Gurtpaare (vier Gurte), symmetrisch über die Ladung gelegt.
- Zurrpunkte nutzen: Jeden Gurt an den fahrzeugseitigen Zurrpunkten einhaken. Die Fräse selbst wird beim Niederzurren nicht direkt am Gut befestigt, sondern von oben überbrückt.
- Zurrwinkel einhalten: Der Winkel zwischen Gurt und Ladefläche soll zwischen 75° und 90° liegen. Je steiler der Gurt, desto mehr Anpresskraft wirkt nach unten.
Vorspannkraft und Kantenschutz
Nach dem Anlegen der Gurte folgen zwei entscheidende Schritte:
Vorspannkraft aufbringen: Mit der Ratsche ziehst du jeden Gurt auf die geforderte Vorspannkraft (STF). Bei handelsüblichen Zurrgurten liegt sie bei ca. 400 daN (Dekanewton). Die Vorspannkraft drückt die Fräse zusätzlich auf die Ladefläche und erhöht so die Reibungskraft.
Kantenschutz anbringen: Überall, wo der Gurt über eine Kante der Fräse läuft, legst du Kantenschoner unter. Ohne Kantenschutz kann der Gurt an scharfen Metallkanten beschädigt werden und reißen.
Wann reicht Niederzurren nicht aus?
Direktes Zurren als Alternative
Beim direkten Zurren werden die Gurte nicht über die Ladung gelegt, sondern direkt an den Zurrpunkten des Ladeguts befestigt und diagonal zu den Fahrzeug-Zurrpunkten gespannt. Die Ladung wird dadurch in ihrer Position fixiert, sie kann sich weder nach vorn noch zur Seite bewegen. Das Prinzip dahinter ist Formschluss: Die Gurte verhindern jede Bewegung mechanisch.
Direktes Zurren ist nötig, wenn:
- Die Ladung einen hohen Schwerpunkt hat (Kippgefahr)
- Das Gut eigene Zurrpunkte besitzt (z.B. Ösen an der Maschine)
- Niederzurren allein die seitlichen Kräfte bei Kurvenfahrt nicht abfangen kann
Entscheidungslogik: Welche Methode für welches Szenario?
Die Wahl der Methode hängt von drei Faktoren ab:
- Ladungsgewicht: Je schwerer das Gut, desto höher die Kräfte bei Bremsung und Kurvenfahrt. Antirutschmatten allein reichen nur bei leichten Gütern (unter ca. 200 kg bei hohem Reibbeiwert).
- Schwerpunktlage: Liegt der Schwerpunkt hoch, kippt die Ladung leichter. Dann brauchst du direktes Zurren statt Niederzurren.
- Reibungsbeiwert: Antirutschmatten erhöhen den Reibbeiwert auf ca. 0,6. Ohne Matten (Holz auf Stahl) liegt er bei nur 0,2 bis 0,3. Je niedriger die Reibung, desto mehr Sicherungskraft musst du durch Zurren aufbringen.
Für die CNC-Fräse mit ihrem kompakten Aufbau und niedrigen Schwerpunkt ist Niederzurren mit Antirutschmatten die richtige Wahl. Bei einer hohen, schmalen Maschine mit eigenen Zurrpunkten wäre direktes Zurren besser.
Hält die Sicherung einer Kontrolle stand?
Fünf Prüfmerkmale nach DIN EN 12195
Die Ladung sieht gesichert aus. Aber hält sie einer Kontrolle stand? Nach DIN EN 12195 prüfst du diese fünf Merkmale:
- Zurrpunktbelastung: Jeder Zurrpunkt am Fahrzeug hat eine maximale Belastungsgrenze (LC-Wert, Lashing Capacity). Die tatsächliche Belastung darf diesen Wert nicht überschreiten.
- Gurtwinkel: Beim Niederzurren muss der Winkel zwischen Gurt und Ladefläche zwischen 75° und 90° liegen. Flachere Winkel reduzieren die Anpresskraft drastisch.
- Vorspannkraft: Die Ratsche muss vollständig angezogen sein. Der STF-Wert (Standard Tension Force) auf dem Gurtetikett gibt die erreichbare Vorspannkraft an.
- Kantenschutz: An jeder Stelle, wo der Gurt über eine Kante läuft, muss ein Kantenschoner sitzen.
- Zustand der Sicherungsmittel: Gurte dürfen keine Risse, Schnitte oder ausgefranste Stellen aufweisen. Beschädigte Gurte sind sofort auszutauschen.
Abweichungen erkennen und benennen
Bei der Prüfung geht es nicht nur darum, Fehler zu finden. Du musst jede Abweichung mit Bezug auf die Normvorgabe benennen können.
Beispiel: Du stellst fest, dass ein Gurt ohne Kantenschoner über die Stahlkante der Fräse läuft. Die korrekte Bewertung lautet: "Verstoß gegen DIN EN 12195, Abschnitt Kantenschutz. Der Gurt ist an der Kontaktstelle mit der Ladungskante nicht geschützt. Risiko: Gurtbeschädigung und Versagen der Sicherung."
Genauso verfährst du, wenn der Zurrwinkel zu flach ist oder die Vorspannkraft nicht erreicht wurde. Jede Abweichung braucht eine klare Zuordnung zur Norm.
Drei Ladungen, drei Entscheidungen
Die richtige Methode für jedes Szenario wählen
Jetzt wendest du die Entscheidungslogik selbst an. Drei Szenarien, drei verschiedene Anforderungen:
Szenario A: Vier Europaletten mit Kartons (je 300 kg, niedriger Schwerpunkt, keine Zurrpunkte am Gut). Antirutschmatten liegen unter den Paletten. → Niederzurren ist hier die richtige Wahl. Niedriger Schwerpunkt, keine Zurrpunkte am Gut, aber hohes Gesamtgewicht. Die Antirutschmatten erhöhen den Reibbeiwert, die Zurrgurte pressen die Paletten zusätzlich auf die Ladefläche.
Szenario B: Ein 2 Meter hohes Serverrack (400 kg, hoher Schwerpunkt, vier Zurrösen am Rahmen). → Direktes Zurren ist nötig. Der hohe Schwerpunkt erzeugt bei Kurvenfahrt ein Kippmoment. Niederzurren allein kann das nicht verhindern. Die Zurrösen am Rack ermöglichen die direkte Befestigung.
Szenario C: Zwei kleine Werkzeugkisten (je 15 kg) auf der Pritsche. → Antirutschmatten können hier ausreichen, wenn der Reibbeiwert hoch genug ist und keine extremen Bremsmanöver zu erwarten sind. Bei 15 kg bleibt die Massenträgheitskraft gering.
Deine Transferaufgabe
Du bekommst den Auftrag, eine 900 kg schwere Industriepumpe auf einem Pritschenfahrzeug zu sichern. Die Pumpe hat einen mittelhohen Schwerpunkt, zwei Zurrösen an der Unterseite und steht auf Holzpalette ohne Antirutschmatte. Wähle die geeignete Sicherungsmethode, bestimme die Mindestanzahl an Zurrgurten und erstelle eine Kurzprüfung anhand der fünf Merkmale aus DIN EN 12195.
Lernziele
- die normgerechte Zurrsicherung von Werkzeugmaschinen auf einem Pritschenfahrzeug mit Zurrgurten anzuwenden, indem Zurrgurtanzahl, Zurrwinkel und erforderliche Vorspannkraft nach DIN EN 12195 bestimmt, die Sicherungsmittel an allen vorgeschriebenen Zurrpunkten korrekt angebracht und die Gurte auf die geforderte Vorspannkraft angezogen werden
- zu überprüfen, ob eine gesicherte Ladung den Anforderungen der DIN EN 12195 entspricht, indem anhand einer strukturierten Prüfliste mindestens 4 von 5 vorgegebene Sicherungsmerkmale (z.B. Zurrpunktbelastung, Gurtwinkel, Vorspannkraft, Kantenschutz, Sicherungsmittelzustand) korrekt bewertet und festgestellte Abweichungen mit Bezug auf die jeweilige Normvorgabe benannt werden
- zu beurteilen, wann das Niederzurren dem direkten Zurren vorzuziehen ist und wann der alleinige Einsatz von Antirutschmatten nicht ausreicht, indem für 3 von 4 vorgegebene Ladungsszenarien die geeignete Sicherungsmethode ausgewählt und die Entscheidung mit Bezug auf Ladungsgewicht, Schwerpunktlage und Reibungsbeiwert begründet wird