Lernfeld 7: Güter verladen

Kipp- und Rutschgefahr bewerten

Lerninhalt aus der Ausbildung zum Fachlagerist:in

Kipp- und Rutschgefahr bewerten

Kippt die Fräsmaschine oder hält die Sicherung?

Der Fall im Schulungsraum

"Darf das Fahrzeug so losfahren?" Deine Ausbilderin tippt auf das Beamer-Bild. Darauf: eine 1.800 kg schwere Fräsmaschine auf einer Pritsche. Vier Niederzurrgurte sind angebracht, Antirutschmatten fehlen. Die Standfläche misst 0,60 m in Kraftrichtung, der Schwerpunkt liegt auf 1,20 m Höhe. Im Raum wird es still. Du sollst rechnerisch belegen, ob diese Sicherung bei einer Vollbremsung mit 0,8 g Verzögerung ausreicht.

Was passiert nach der Methodenwahl zwischen Niederzurren und direktem Zurren? Genau hier setzt die Berechnung an: Du musst prüfen, ob die gewählte Methode die tatsächlich wirkenden Kräfte auch abfangen kann.

Zwei Kräfte, die gegeneinander arbeiten

Ob eine Ladung kippt, entscheidet das Verhältnis zweier Drehmomente:

  • Das Kippmoment entsteht durch die Trägheitskraft, die bei einer Bremsung am Schwerpunkt angreift. Je höher der Schwerpunkt, desto größer der Hebel und desto stärker das Kippmoment.
  • Das Standmoment wirkt dagegen: Die Gewichtskraft drückt die Ladung nach unten. Je breiter die Standfläche, desto größer der stabilisierende Hebel.

Wenn das Kippmoment das Standmoment übersteigt, hebt sich eine Seite der Ladung an. Die Maschine kippt.

Wie groß sind Kippmoment und Standmoment konkret?

Schritt 1: Das Kippmoment berechnen

Beim Bremsen wirkt die Trägheitskraft horizontal am Schwerpunkt. Sie versucht, die Maschine um die Kippkante zu drehen. Das Prinzip dahinter ist das Hebelgesetz: Ein Drehmoment ergibt sich immer aus Kraft mal Hebelarm. Je weiter die Kraft vom Drehpunkt entfernt angreift, desto stärker dreht sie.

Die Trägheitskraft bei 0,8 g beträgt:

F_Trägheit = m x a = 1.800 kg x 0,8 x 9,81 m/s² = 14.126 N

Der Hebelarm zur Kippkante ist die Schwerpunkthöhe (1,20 m). Daraus folgt:

M_Kipp = 14.126 N x 1,20 m = 16.952 Nm

Schritt 2: Das Standmoment berechnen und vergleichen

Die Gewichtskraft der Maschine wirkt stabilisierend. Ihr Hebelarm ist die halbe Standfläche (Abstand Schwerpunkt zur Kippkante):

F_Gewicht = m x g = 1.800 kg x 9,81 m/s² = 17.658 N

M_Stand = F_Gewicht x d = 17.658 N x 0,30 m = 5.297 Nm

Jetzt der entscheidende Vergleich: M_Kipp (16.952 Nm) ist über dreimal so groß wie M_Stand (5.297 Nm). Das Sicherheitskriterium verlangt, dass M_Stand mindestens so groß ist wie M_Kipp. Hier liegt das Verhältnis bei 0,31. Die Maschine kippt bei einer Vollbremsung mit Sicherheit um.

Rutscht die Maschine auch noch?

Reibbeiwert: Stahl auf Holz vs. Antirutschmatte

Neben dem Kippen droht auch Rutschen. Wie stark die Maschine auf der Ladefläche haftet, bestimmt der Reibbeiwert (µ). Zwei typische Materialpaarungen:

  • Stahl auf Holz (ohne Antirutschmatte): µ = 0,2
  • Stahl auf Antirutschmatte: µ = 0,6

Die Restrutschkraft ist die Kraft, die nach Abzug der Reibung noch durch Zurrmittel aufgefangen werden muss:

F_Rest = m x g x (c - µ)

Ohne Antirutschmatte: 1.800 x 9,81 x (0,8 - 0,2) = 10.595 N Mit Antirutschmatte: 1.800 x 9,81 x (0,8 - 0,6) = 3.532 N

Ohne Antirutschmatte muss die Zurrsicherung dreimal so viel Kraft aufbringen. Bei dieser Maschine sind Antirutschmatten keine optionale Verbesserung, sondern zwingende Voraussetzung für eine normkonforme Sicherung nach DIN EN 12195.

Warum Reibung allein das Kippen nicht verhindert

Selbst mit Antirutschmatten (µ = 0,6) bleibt das Kernproblem bestehen: Die Reibung wirkt am Boden der Standfläche und verhindert das Rutschen. Gegen das Kippen hilft sie nur indirekt. Hohe Bodenreibung hält die Standfläche zwar am Boden fest, aber der Schwerpunkt oben dreht sich trotzdem über die Kippkante hinweg. Reibung und Kippstabilität sind zwei getrennte Prüfungen, die du beide durchführen musst.

Reichen vier Niederzurrgurte gegen das Kippen?

Warum Niederzurren bei hohem Schwerpunkt versagt

Niederzurren presst die Ladung durch vertikale Vorspannkraft auf die Ladefläche. Typisch sind 500 daN (5.000 N) pro Gurt. Vier Gurte erzeugen also maximal 20.000 N zusätzliche Anpresskraft. Diese Kraft wirkt nach unten und erhöht das Standmoment:

M_Stand_gesamt = M_Stand + F_Vorspann x d = 5.297 + 20.000 x 0,30 = 11.297 Nm

Das Kippmoment beträgt aber 16.952 Nm. Selbst mit vier Niederzurrgurten bleibt M_Kipp deutlich größer als M_Stand. Die Maschine kippt trotzdem.

Der Grund liegt in der Geometrie: Die Schwerpunkthöhe (1,20 m) übersteigt zwei Drittel der Standbreite (0,40 m) um das Dreifache. Bei diesem Verhältnis kann Niederzurren das Kippmoment physikalisch nicht kompensieren.

Die Antwort an deine Ausbilderin

Nein, das Fahrzeug darf so nicht losfahren. Die Lösung ist eine Kombinationssicherung:

  1. Antirutschmatten unter die Standfläche legen (µ von 0,2 auf 0,6 erhöhen)
  2. Direktzurrung seitlich anbringen: Gurte greifen seitlich am Ladegut an und wirken horizontal gegen das Kippen
  3. Kopflashing oder Stirnwandanlage als Formschluss gegen die Bremskraft nach vorn

Erst diese Kombination aus Kraftschluss (Reibung + Niederzurren) und Formschluss (Direktzurrung + Anschlag) sichert die Maschine normkonform. Du hast jetzt das Werkzeug, jede Ladung systematisch auf Kipp- und Rutschgefahr zu prüfen.

Lernziele

  • das Kipprisiko einer freistehenden Maschine beim Bremsvorgang zu berechnen, indem Standmoment und Kippmoment für eine vorgegebene Maschinenkonfiguration (Masse, Schwerpunkthöhe, Standfläche) bei einer Verzögerung von 0,8 g rechnerisch ermittelt und das Ergebnis mit dem Sicherheitskriterium verglichen wird
  • den Einfluss des Reibbeiwertes auf die Notwendigkeit von Antirutschmatten zu analysieren, indem für zwei vorgegebene Untergrundmaterialien (mit und ohne Antirutschmatte) die jeweilige Restrutschkraft berechnet und daraus abgeleitet wird, in welchem Fall Antirutschmatten eine zwingende Voraussetzung für eine normkonforme Sicherung sind
  • die Eignung des Niederzurrens bei schmalen, schweren Gütern zu beurteilen, indem für ein konkretes Ladegut (Schwerpunkthöhe über zwei Drittel der Standflächenbreite) die wirkenden Kipphebel den erreichbaren Niederzurrkräften gegenübergestellt, die Unzulänglichkeit der Methode physikalisch begründet und eine alternative Sicherungsstrategie empfohlen wird
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