Lagerarten nach einlagerndem Betrieb
Drei Lager, null Erklärung?
Die Frage, die sitzt
"Schau dir diese drei Fotos an", sagt deine Ausbilderin und tippt auf den Beamer. "Unser Großhandelslager für Gastronomiebedarf. Daneben das Werkslager eines Autoherstellers. Und hier ein Fulfillment-Center einer Spedition." Sie dreht sich zu dir: "Warum stehen in jedem dieser Lager völlig andere Produkte, und warum wird dort anders kommissioniert?"
Du kennst euren eigenen Betrieb gut. Aber die Unterschiede zu den anderen beiden Lagern in Worte fassen? Das fällt schwer. Genau diese Lücke schließt du jetzt: Lager werden nach dem einlagernden Betrieb unterschieden, und jeder Betriebstyp bringt eigene Regeln für Sortiment, Abläufe und Kundschaft mit.
Fünf Betriebstypen, fünf Lagerarten
Beim Thema Aufgaben der Lagerhaltung hast du gesehen, dass ein Lager verschiedene Funktionen erfüllt: Ausgleich, Sicherung, Sortimentsbildung und mehr. Welche dieser Funktionen im Vordergrund steht, hängt direkt davon ab, wer einlagert. Die fünf Lagerarten nach Betriebstyp sind:
- Werkslager (Produktionsbetrieb)
- Großhandelslager (Großhandel)
- Einzelhandelslager (Einzelhandel)
- Speditionslager (Spedition/Logistikdienstleistung)
- Konsignationslager (Lieferant lagert beim Abnehmer)
Werkslager und Handelslager im Detail
Das Werkslager: Nachschub für die Produktion
Ein Werkslager gehört zu einem Produktionsbetrieb. Eine Möbelfabrik lagert dort Holzplatten, Scharniere und Lacke als Rohstoffe ein. Nach der Fertigung wandern die fertigen Schränke ins Fertigwarenlager. Das Sortiment ist eng auf die eigene Produktion zugeschnitten und wenig breit. Die Ausgleichsfunktion steht hier im Vordergrund: Rohstoffe werden bevorratet, damit die Fertigung nicht stillsteht, auch wenn eine Lieferung verspätet eintrifft. Die Kundschaft des Werkslagers ist der eigene Betrieb selbst, nicht externe Käufer:innen.
Großhandels- und Einzelhandelslager: Sortiment für den Verkauf
Ein Großhandelslager für Gastronomiebedarf hält Hunderte verschiedener Artikel bereit: Großpackungen Mehl, Speiseöl in 10-Liter-Kanistern, Servietten und Reinigungsmittel. Die Sortimentsfunktion dominiert. Der Großhandel bündelt Waren vieler Hersteller und liefert sie gebündelt an Restaurants, Hotels oder Kantinen. Die Umschlagshäufigkeit ist hoch, weil Gastronomie-Betriebe regelmäßig nachbestellen.
Das Einzelhandelslager funktioniert ähnlich, bedient aber Endverbraucher:innen. Ein Möbelhaus lagert fertige Schränke, Sofas und Lampen verschiedener Hersteller. Das Sortiment ist breit und tief, die einzelnen Stückzahlen pro Artikel aber kleiner als im Großhandel.
Speditionslager und Konsignationslager
Speditionslager: Lagern für andere
Erinnerst du dich an die drei Fotos aus dem Schulungsraum? Das dritte Bild zeigte ein Fulfillment-Center. Das ist ein typisches Speditionslager. Der entscheidende Unterschied: Die Spedition lagert fremde Waren ein. Ein Online-Shop für Sportartikel besitzt kein eigenes Lager, sondern mietet Fläche bei einer Spedition. Diese übernimmt Einlagerung, Kommissionierung und Versand. Der Vorteil für den Online-Shop: keine eigenen Lagerkosten, keine eigene Logistik-Infrastruktur. Die Spedition wiederum lagert Waren mehrerer Auftraggeber:innen gleichzeitig und nutzt so ihre Kapazitäten effizient aus.
Konsignationslager: Lieferant lagert beim Abnehmer
Beim Konsignationslager dreht sich das Eigentumsverhältnis um. Ein Schraubenhersteller richtet direkt auf dem Gelände eines Autoherstellers ein Lager ein. Die Schrauben gehören weiterhin dem Schraubenhersteller, bis der Autohersteller sie aus dem Regal nimmt und in der Produktion verbaut. Erst dann geht das Eigentum über und die Rechnung wird fällig. Der Vorteil: Der Autohersteller hat die Teile sofort griffbereit, bindet aber kein eigenes Kapital. Die Sicherungsfunktion wird hier quasi vom Lieferanten übernommen.
Wie unterscheiden sich die Lagerarten im direkten Vergleich?
Drei Dimensionen, drei Lagertypen
Jetzt kannst du die Frage deiner Ausbilderin beantworten. Hier die drei Lagertypen im direkten Vergleich:
Sortimentstiefe:
- Werkslager (z.B. Autohersteller): eng und produktionsbezogen, wenige Artikelgruppen in großen Mengen
- Handelslager (z.B. Gastro-Großhandel): breit und tief, viele verschiedene Artikel für unterschiedliche Kundenbedürfnisse
- Speditionslager (z.B. Fulfillment-Center): gemischt, abhängig von den Auftraggeber:innen
Umschlagshäufigkeit:
- Werkslager: getaktet nach Produktionsplan, gleichmäßig
- Handelslager: hoch, weil Handelsbetriebe regelmäßig und in kurzen Abständen nachbestellen
- Speditionslager: sehr hoch, besonders im E-Commerce mit täglichem Paketversand
Abnehmerstruktur:
- Werkslager: eigene Produktion (interner Abnehmer)
- Handelslager: Geschäftskund:innen (Großhandel) oder Endverbraucher:innen (Einzelhandel)
- Speditionslager: Endkund:innen der Auftraggeber:innen
Deine Antwort für das nächste Kundengespräch
Der Kern liegt im Betriebszweck: Ein Werkslager versorgt die eigene Fertigung, ein Handelslager bündelt Sortimente für den Weiterverkauf, und ein Speditionslager übernimmt die Lagerlogistik für fremde Unternehmen. Daraus ergeben sich automatisch unterschiedliche Sortimente, Abläufe und Kundengruppen. Wenn du das verstanden hast, kannst du jedem Restaurantbesitzer erklären, warum euer Großhandelslager eben nicht wie das Werkslager seines Nudellieferanten funktioniert.
Lernziele
- die Merkmale von Werks- und Handelslager zu charakterisieren, indem für mindestens 2 Lagerarten die typischen Güterarten, der Zweck der Lagerhaltung und die Anbindung an den Betriebsablauf in eigenen Worten korrekt beschrieben werden
- Lagerarten nach dem einlagernden Betrieb zu benennen, indem mindestens 4 von 5 Lagerarten (Werkslager, Großhandelslager, Einzelhandelslager, Speditionslager, Konsignationslager) korrekt einer Betriebsart zugeordnet werden
- Werkslager, Handelslager und Speditionslager zu vergleichen, indem die Unterschiede in mindestens 3 Vergleichsdimensionen (Sortimentstiefe, Umschlagshäufigkeit, Abnehmerstruktur) strukturiert herausgearbeitet und mit je einem konkreten Betriebsbeispiel belegt werden