Was verraten dir die roten Rauten auf einem Kanister?
"Den kannst du doch nicht einfach dazustellen!"
"Den kannst du doch nicht einfach dazustellen!" Deine Kollegin Nadia nimmt dir den 5-Liter-Kanister Industriereiniger aus der Hand. Es ist Dienstagvormittag, 11:15 Uhr im Chemikalienbereich, und du wolltest den Kanister gerade ins Gefahrstoffregal schieben. Aber das Etikett ist von einer gelblichen, eingetrockneten Flüssigkeit halb verdeckt. Du erkennst nur noch eine rote Raute mit Flammensymbol und das Wort "Gefahr". Ein zweites Piktogramm, H-Sätze und P-Sätze: nicht mehr lesbar.
Nadia hat recht. Ohne vollständige Kennzeichnung darfst du den Kanister nicht einlagern. Stehen unverträgliche Stoffe nebeneinander, drohen giftige Dämpfe oder Brand. Bei einer Kontrolle: § 26 Abs. 3 ChemG sieht für Verstöße gegen die CLP-Kennzeichnungspflicht einen Bußgeldrahmen bis 50.000 € vor; die Höhe richtet sich nach der Schwere des Verstoßes (behördliche Staffelung). Was genau musst du auf dem Etikett lesen können, bevor der Kanister ins Regal darf?
Neun Piktogramme, eine Sprache weltweit
Die rote Raute auf weißem Grund ist das Erkennungszeichen des GHS (Globally Harmonized System). Weltweit gibt es genau neun Piktogramme. Im Lager begegnest du vor allem diesen vier:
- Die Flamme kennzeichnet entzündbare Flüssigkeiten wie Reiniger, Lacke oder Lösemittel.
- Ätzende Stoffe wie Säuren oder Laugen erkennst du am Ätzwirkung-Symbol (Reagenzglas tropft auf Hand und Metall).
- Das Ausrufezeichen steht für gesundheitsschädliche oder reizende Stoffe - die mildere Stufe.
- Akut giftig: Der Totenkopf mit gekreuzten Knochen warnt davor, dass schon kleine Mengen tödlich sein können.
Die übrigen fünf: Flamme über Kreis (brandfördernd), Gasflasche (Gase unter Druck), Brustbild mit Stern (schwere Langzeitwirkung wie Krebsgefahr), toter Fisch und Baum (umweltgefährlich), explodierende Bombe (explosiv).
⚖️ Vergleich im Kopf: Vergleiche das Ausrufezeichen-Piktogramm mit dem Totenkopf - beide warnen vor Gesundheitsgefahren. Worin liegt der entscheidende Unterschied für deine Lagerpraxis?
Welche sechs Pflichtangaben gehören auf ein Gefahrstoff-Etikett?
Sechs Bestandteile nach CLP-Verordnung
Nadias Kanister zeigt, was passiert, wenn Angaben fehlen. Die CLP-Verordnung (Classification, Labelling and Packaging) schreibt für jedes Gefahrstoff-Etikett sechs Pflichtbestandteile vor:
- Handelsname und chemische Bezeichnung bilden den Produktidentifikator - er macht den Stoff eindeutig zuordenbar
- Das Signalwort "Gefahr" oder "Achtung" zeigt die Schwere auf einen Blick - nur diese zwei Stufen existieren
- Eine oder mehrere rote Rauten (Piktogramme) - viele Stoffe tragen zwei oder drei gleichzeitig
- H-Sätze (Hazard Statements) beschreiben die Art der Gefahr, z.B. "H226: Flüssigkeit und Dampf entzündbar"
- Schutzmaßnahmen stehen in den P-Sätzen (Precautionary Statements), z.B. "P210: Von Hitze fernhalten"
- Name, Adresse und Telefonnummer der verantwortlichen Firma (Lieferantenangaben)
Warum jeder Bestandteil schützt
Das Signalwort verrät dir die Gefahrenstufe auf einen Blick. "Gefahr" steht für die schwereren Kategorien, "Achtung" für die milderen. Die H-Sätze sagen dir, was genau passieren kann: Ist der Stoff leicht entzündbar oder extrem entzündbar? Reizt er die Augen oder zerstört er sie? Die P-Sätze sagen dir, wie du dich schützt: Schutzbrille, Handschuhe, Lüftung, Abstand zu Zündquellen.
Ohne diese Angaben weißt du nicht, ob die Flamme auf Nadias Kanister "leicht entzündbar" oder "extrem entzündbar" bedeutet. Und du weißt nicht, welche Schutzausrüstung du beim Umlagern brauchst.
🧑🏫 Erkläre es im Kopf: Erkläre jemandem ohne Lager-Erfahrung den Unterschied zwischen H-Sätzen und P-Sätzen in je einem Satz.
Wie ordnest du Gefahrstoff-Etiketten in der Praxis zu?
Drei Gebinde aus Nadias Lieferung
Nadia hat ein Ersatzetikett vom Lieferanten angefordert. Jetzt kannst du alle drei Gebinde aus der Lieferung korrekt zuordnen:
Der 5-Liter-Kanister Industriereiniger trägt Flamme + Ausrufezeichen, Signalwort "Gefahr". H226 warnt vor entzündbarer Flüssigkeit, H319 vor schwerer Augenreizung. Schutzmaßnahmen: von Hitze fernhalten (P210), Augenschutz und Handschuhe (P280).
Die 1-Liter-Flasche mit Salzsäure zeigt Ätzwirkung + Ausrufezeichen, Signalwort "Gefahr". H314 beschreibt schwere Verätzungen, H335 Atemwegsreizung. Wichtigste Schutzmaßnahme: Dampf nicht einatmen (P260).
Beim 10-Liter-Eimer Acryllack kombinieren sich Flamme und Gesundheitsgefahr-Brustbild, Signalwort "Gefahr". H226 (entzündbar) und H373 (Organschäden bei längerer Exposition). Nur in gut belüfteten Räumen verwenden (P271).
Getrennt lagern oder zusammenstellen?
Alle drei Stoffe tragen das Signalwort "Gefahr", aber sie gehören nicht ins gleiche Regal. Industriereiniger und Acryllack sind beide entzündbar (Flamme-Piktogramm) - sie dürfen zusammen im Bereich für entzündbare Stoffe stehen. Die Salzsäure ist ätzend und muss getrennt gelagert werden, weil Säuren mit entzündbaren Stoffen gefährlich reagieren können.
Nadias Instinkt war richtig: Ein unlesbares Etikett ist kein Schönheitsfehler, sondern ein Sicherheitsrisiko. Ohne die vollständigen sechs Pflichtangaben fehlt dir die Grundlage für jede Lagerentscheidung.
🤔 Frage dich: Du bekommst eine neue Lieferung mit einem 20-Liter-Kanister. Das Etikett zeigt den Totenkopf, das Umwelt-Piktogramm und das Signalwort "Gefahr" - aber keine H- und P-Sätze. Welche drei Schritte unternimmst du, bevor der Kanister ins Lager darf?
Teste dein Wissen
Im Chemikalienbereich trägst du einen Kanister mit einem roten Rauten-Piktogramm, das eine Flamme zeigt. Welche Gefahr signalisiert dieses GHS-Piktogramm?