Lernfeld 2: Güter lagern

Einlagerungsgrundsätze

Lerninhalt aus der Ausbildung zum Fachlagerist:in

Einlagerungsgrundsätze

240 Liter Milch landen im Abfall

Das Problem im Kühllager

Freitagmittag, 11:00 Uhr, 4 °C im Kühllager. Auf deinem Hubwagen steht eine Palette Frischmilch mit MHD 28. Juni. Im Durchlaufregal warten bereits drei Paletten mit MHD 21. Juni. Dein Kollege ruft: "Schieb die vorne rein, dann sind wir schneller fertig!" Er meint es gut und will euch beiden Arbeit sparen. Aber die Kommissionierenden greifen von vorne. Landet die neue Milch dort, bleibt die ältere Charge dahinter unerreichbar. 240 Liter verderben, die Entsorgung kostet über 300 Euro.

Die vier Vorbereitungsschritte von Wareneingangsscan bis Systemeinbuchung hast du bereits erledigt. Sie sind die Grundlage für die nächste Entscheidung: Wohin genau kommt die Palette im Regal?

Drei Grundsätze für die richtige Reihenfolge

Für genau solche Situationen gibt es in der Lagerwirtschaft drei Einlagerungsgrundsätze. Sie regeln, in welcher Reihenfolge Waren ein- und ausgelagert werden:

  1. FIFO - First In, First Out (zuerst eingelagert, zuerst entnommen). Typisches Gut: Frischmilch
  2. LIFO - Last In, First Out (zuletzt eingelagert, zuerst entnommen). Typisches Gut: Kies oder Sand
  3. FEFO - First Expired, First Out (kürzestes Verfallsdatum zuerst entnommen). Typisches Gut: Medikamente

Welcher Grundsatz passt, hängt von den Eigenschaften der Ware ab. Genau das schauen wir uns jetzt Schritt für Schritt an.

FIFO und FEFO: Verderbliche Ware schützen

FIFO am Durchlaufregal

Zurück zum Milch-Problem: Die Lösung ist das FIFO-Prinzip. Du lagerst die neue Palette auf der Einlagerungsseite (hinten) ein. Die Paletten rutschen durch die Schwerkraft auf der Rollenbahn nach vorne. So greifen die Kommissionierenden automatisch zur ältesten Charge.

FIFO funktioniert bei allen Waren, deren Alter den Wert bestimmt: Joghurt, Frischfleisch, aber auch Farben oder Klebstoffe mit begrenzter Haltbarkeit. Die Regel ist einfach: Was zuerst ins Lager kam, verlässt es auch zuerst.

Das Durchlaufregal, das du bereits bei den Lagereinrichtungen kennengelernt hast, ist genau für dieses Prinzip konstruiert. Einlagerung und Entnahme finden an getrennten Seiten statt. Damit wird FIFO baulich erzwungen.

FEFO: Wenn das Verfallsdatum entscheidet

In einem Medikamentenlager kommt am Montag eine Lieferung Impfstoff mit Verfallsdatum 15. August. Am Mittwoch trifft eine zweite Lieferung ein, diesmal mit Verfallsdatum 31. Juli. Nach FIFO müsste die Montagslieferung zuerst raus, weil sie früher ankam. Aber ihr Verfallsdatum liegt nach dem der Mittwochslieferung.

Hier greift FEFO: Nicht das Einlagerungsdatum zählt, sondern das Mindesthaltbarkeits- oder Verfallsdatum. Die Mittwochslieferung (31. Juli) wird zuerst entnommen, obwohl sie später ankam. So wird verhindert, dass Impfstoffe im Regal ablaufen und vernichtet werden müssen.

FEFO ist die strengere Variante und kommt überall dort zum Einsatz, wo unterschiedliche Chargen verschiedene Verfallsdaten tragen: Pharmazeutika, Kosmetik, Lebensmittel mit wechselnden MHD-Chargen.

Wann darf die zuletzt gelieferte Ware zuerst raus?

LIFO beim Schüttgut

Ein Baustoffhändler lagert Kies auf einer offenen Halde. Neue Lieferungen werden oben auf den Haufen gekippt. Beim Verkauf schaufelt der Radlader von oben ab. Das ist LIFO in Reinform: Die zuletzt gelieferte Ware geht zuerst raus.

Warum ist das hier kein Problem? Zwei Gründe machen LIFO bei Kies oder Sand sachlich vertretbar:

  • Keine Verderblichkeit: Kies hat kein Verfallsdatum. Ob er eine Woche oder ein Jahr lagert, seine Qualität bleibt identisch.
  • Physische Untrennbarkeit: Ein Kieshaufen lässt sich nicht in einzelne Lieferchargen aufteilen. Alter und neuer Kies vermischen sich. Es gibt schlicht keine "ältere Charge", die man bevorzugt entnehmen könnte.

LIFO tritt auch bei Einfahrregalen auf: Der Gabelstapler fährt in eine tiefe Gasse und stapelt Paletten hintereinander. Entnommen wird die vorderste, also die zuletzt eingelagerte Palette.

Abgrenzung: Wann LIFO, wann nicht?

LIFO eignet sich ausschließlich für homogene, nicht verderbliche Güter, bei denen die Entnahmereihenfolge keinen Qualitätsunterschied verursacht. Sobald ein Gut ein MHD trägt oder sich durch Alterung verändert, ist LIFO tabu.

Entscheidend ist also immer die Frage: Schadet es der Ware, wenn ältere Bestände länger liegen bleiben? Bei Kies, Sand, Schotter oder Stahlträgern lautet die Antwort Nein. Bei Lebensmitteln, Medikamenten oder Chemikalien lautet sie Ja.

Den richtigen Grundsatz auswählen

Der Entscheidungsweg in drei Fragen

Drei Fragen führen dich zum passenden Grundsatz:

  1. Ist die Ware verderblich oder trägt sie ein MHD? Falls nein und die Ware ist homogen (z.B. Schüttgut): LIFO ist zulässig.
  2. Können verschiedene Chargen unterschiedliche Verfallsdaten haben? Falls ja: FEFO, damit die Charge mit dem kürzesten Datum zuerst rausgeht.
  3. Sind die Verfallsdaten gleich oder spielt nur das Alter eine Rolle? Dann reicht FIFO: Was zuerst kam, geht zuerst raus.

Das warenbezogene Argument ist immer der Schlüssel: Verderblichkeit, Mindesthaltbarkeitsdatum oder Homogenität bestimmen die Entscheidung.

Dein Wissen im Einsatz

Teste den Entscheidungsweg an diesen fünf Gütern:

  • Tiefkühlpizza (verschiedene Chargen, MHD variiert)
  • Bausand (Schüttgut, keine Verderblichkeit)
  • Sonnencreme (Verfallsdatum, verschiedene Chargen)
  • Ziegelsteine (homogen, kein MHD)
  • Frischer Lachs (hochverderblich, gleiches MHD pro Lieferung)

Für jedes Gut gilt: Prüfe Verderblichkeit, MHD-Unterschiede und Homogenität. Dann steht der Grundsatz fest.

Lernziele

  • den passenden Einlagerungsgrundsatz für vorgegebene Warenkategorien umzusetzen, indem in 4 von 5 Szenarien der richtige Grundsatz gewählt und die Entscheidung mit mindestens einem warenbezogenen Argument (Verderblichkeit, Mindesthaltbarkeitsdatum oder Homogenität) begründet wird
  • die sachliche Begründung für den Einsatz von LIFO bei homogenem Schüttgut zu erläutern, indem die physische Untrennbarkeit des Lagerbestands und die fehlende Verderblichkeit als tragende Argumente benannt und am Beispiel Kies oder Sand konkret beschrieben werden
  • die drei Einlagerungsgrundsätze FIFO, LIFO und FEFO zu benennen, indem alle drei Grundsätze mit ihrer deutschen Langbezeichnung und je einem typischen Beispielgut korrekt angegeben werden
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