Wegeoptimierung bei der Kommissionierung
Wie legst du die beste Laufreihenfolge für zehn Positionen fest?
Das Zeitproblem im Längsgangslager
Wer haftet für die 180 Euro Expressversand, wenn fünf Sendungen den letzten LKW verpassen? Montagnachmittag, 13:15 Uhr im Kommissionierbereich. Dein Scanner zeigt zehn Entnahmepositionen, verteilt über vier Gänge. Die letzten drei Aufträge hast du in der Reihenfolge der Pickliste abgelaufen, und jetzt liegst du 20 Minuten hinter dem Soll. Um 14:00 Uhr geht der letzte LKW, fünf Aufträge stehen noch offen. Deine Kollegin Lisa schaut auf deinen Scanner und sagt: "Du läufst kreuz und quer. Kein Wunder, dass die Zeit nicht reicht." Sie hat recht. Das Problem ist nicht dein Tempo, sondern deine Laufreihenfolge.
Zwei Strategien gegen unnötige Wege
Erinnerst du dich, wie die ABC-Analyse die Schnelldreher nah am Warenausgang platziert? Genau hier setzt die Wegeoptimierung an. Die Artikel liegen dank ABC-Zuordnung bereits an den richtigen Plätzen. Jetzt geht es darum, in welcher Reihenfolge du sie ansteuerst. Dafür gibt es zwei bewährte Strategien:
- Die S-Form-Strategie (auch Durchgangsstrategie oder Traversal Strategy): Du durchläufst jeden Gang komplett von einem Ende zum anderen, abwechselnd vorwärts und rückwärts.
- Die Größte-Lücke-Strategie (Largest Gap Strategy): Du betrittst einen Gang nur so weit, wie es nötig ist, und kehrst um, wenn die größte Lücke zwischen zwei Positionen zu lang wird.
Lisa zeigt dir beide Varianten an deinem aktuellen Auftrag.
Wie funktionieren die beiden Strategien konkret?
Die S-Form-Strategie Schritt für Schritt
Nimm deinen Auftrag mit den zehn Positionen in vier Gängen. Bei der S-Form-Strategie gehst du so vor:
- Du startest am Warenausgang und betrittst Gang 1 am unteren Ende.
- Du läufst den Gang komplett durch bis zum oberen Quergang und nimmst dabei alle Positionen in diesem Gang mit.
- Am oberen Quergang wechselst du zu Gang 2 und läufst ihn von oben nach unten komplett ab.
- So mäanderst du in S-Form durch alle vier Gänge, bis du am Ende wieder beim Warenausgang ankommst.
Die Gesamtstrecke bei deinem Auftrag: rund 210 Meter. Die unsortierte Picklisten-Reihenfolge hätte dich etwa 340 Meter gekostet. Das sind 38 % Einsparung. Typisches Einsatzszenario: Aufträge mit vielen Positionen pro Gang, weil du ohnehin fast überall halten musst.
Die Größte-Lücke-Strategie Schritt für Schritt
Bei der Größte-Lücke-Strategie durchläufst du nicht jeden Gang komplett. Stattdessen prüfst du für jeden Gang: Wo ist die größte Lücke zwischen zwei aufeinanderfolgenden Entnahmepositionen (oder zwischen einer Position und dem Gangende)?
- Du betrittst Gang 1 von unten und sammelst alle Positionen bis zur größten Lücke.
- Dort kehrst du um und gehst zurück zum Quergang.
- Positionen oberhalb der größten Lücke erreichst du vom oberen Quergang aus.
- Gänge ohne Entnahmepositionen lässt du komplett aus.
Ergebnis bei deinem Auftrag: rund 175 Meter. Das sind nochmal 17 % weniger als bei der S-Form. Typisches Einsatzszenario: Aufträge mit wenigen Positionen pro Gang, weil du so leere Gangabschnitte überspringst.
Wann ist welche Strategie besser?
Auftragsdichte als Entscheidungskriterium
Beide Strategien haben klare Stärken und Schwächen. Die Auftragsdichte (Anzahl der Entnahmen pro Gang) ist das wichtigste Kriterium:
S-Form-Strategie:
- Vorteil bei hoher Dichte: Wenn in jedem Gang mehrere Positionen liegen, musst du ohnehin fast den gesamten Gang ablaufen. Die S-Form vermeidet doppelte Wege.
- Nachteil bei niedriger Dichte: Du durchläufst auch Gänge komplett, in denen nur eine einzige Position liegt. Das erzeugt unnötige Leerwege.
Größte-Lücke-Strategie:
- Vorteil bei niedriger Dichte: Du betrittst Gänge nur so weit wie nötig und sparst leere Abschnitte komplett ein.
- Nachteil bei hoher Dichte: Die ständigen Richtungswechsel und das Berechnen der größten Lücke kosten Zeit und bringen kaum Wegersparnis, wenn die Positionen dicht beieinander liegen.
Ganglänge als zweiter Faktor
Die Ganglänge verstärkt den Effekt der Auftragsdichte:
Bei langen Gängen (30 Meter und mehr) wird der Nachteil der S-Form bei wenigen Positionen besonders spürbar. Du läufst 30 Meter für eine einzige Entnahme am Ganganfang und 30 Meter zurück zum nächsten Gang. Die Größte-Lücke-Strategie spart hier massiv.
Bei kurzen Gängen (unter 15 Meter) ist der Unterschied zwischen beiden Strategien gering. Der Umkehraufwand bei der Größte-Lücke-Strategie lohnt sich kaum, weil der eingesparte Weg minimal ist. Hier ist die S-Form oft die einfachere und schnellere Wahl, weil sie keine Lückenberechnung erfordert.
Welche Strategie passt zu einem unregelmäßigen Lager?
Wenn das Lehrbuch-Layout nicht stimmt
Dein Betrieb baut um. Das neue Lager hat einen L-förmigen Grundriss: fünf lange Gänge (je 25 Meter) im Hauptbereich und drei kurze Gänge (je 12 Meter) im Anbau. Welche Strategie empfiehlst du? Zwei messbare Kriterien helfen bei der Beurteilung:
- Wegstreckenreduktion in Prozent: Wie viel kürzer wird die Route im Vergleich zur unsortierten Reihenfolge?
- Anpassungsaufwand bei Layoutänderungen: Wie leicht lässt sich die Strategie umstellen, wenn Gänge hinzukommen oder sich die Ganglänge ändert?
Die S-Form funktioniert nur sauber, wenn alle Gänge parallel verlaufen und gleich lang sind. Am Knick des L-Grundrisses bricht die mäandrierende Linie ab. Du müsstest zwei getrennte S-Schleifen planen und verbinden. Der Anpassungsaufwand ist hoch.
Eine begründete Empfehlung formulieren
Die Größte-Lücke-Strategie eignet sich besser für den L-förmigen Grundriss. Die Begründung:
- Wegstreckenreduktion: Da die Strategie jeden Gang einzeln bewertet, funktioniert sie unabhängig davon, ob die Gänge parallel, versetzt oder unterschiedlich lang sind. Im Hauptbereich mit langen Gängen spart sie leere Abschnitte. Im Anbau mit kurzen Gängen entsteht kein Nachteil, weil die Umkehrwege minimal bleiben. Erwartbare Reduktion gegenüber unsortiert: 30-45 %.
- Anpassungsaufwand: Wenn der Betrieb weitere Gänge anbaut oder einen Bereich umstrukturiert, muss nur die Lückenberechnung pro Gang aktualisiert werden. Die Strategie braucht kein durchgängiges Mäandermuster und passt sich flexibel an jede Gangkonfiguration an.
Für Lisa und dich bedeutet das: Im neuen Lager programmiert ihr den Scanner auf die Größte-Lücke-Strategie. In Bereichen mit dauerhaft hoher Pickdichte könnt ihr gangweise auf die S-Form wechseln.
Lernziele
- die S-Form-Strategie und die Größte-Lücke-Strategie bei der Kommissionierung beschreiben, indem das Grundprinzip beider Strategien beschrieben und je ein typisches Einsatzszenario in einem Längsgangslager benannt wird
- eine Wegeoptimierungsstrategie auf einen Kommissionierauftrag mit zehn Entnahmepositionen durchführen, indem die Entnahmepositionen in der nach der gewählten Strategie optimierten Reihenfolge eingetragen und die resultierende Wegstrecke im Vergleich zur unsortierten Ausgangsreihenfolge beziffert wird
- die S-Form-Strategie und die Größte-Lücke-Strategie anhand vorgegebener Lagerbedingungen vergleichen, indem für jede Strategie mindestens zwei Vor- und Nachteile bei unterschiedlichen Auftragsdichten und Ganglängen herausgearbeitet und gegenübergestellt werden
- die geeignete Wegeoptimierungsstrategie für ein Lager mit unregelmäßigem Grundriss beurteilen, indem die Strategiewahl anhand von mindestens zwei messbaren Kriterien (z.B. Wegstreckenreduktion in Prozent, Anpassungsaufwand bei Layoutänderungen) begründet und eine klare Empfehlung für den vorgegebenen Grundriss formuliert wird