Lagerplatzzuordnung: Festplatz vs. Freiplatz
Warum findest du manche Artikel blind und andere gar nicht?
Systemausfall beim Eilauftrag
"Das LVS ist komplett weg. Und wir haben einen Eilauftrag mit sechs Positionen." Deine Teamkollegin drückt dir die Pickliste in die Hand. Beim Thema Kommissionierauftrag und Belegprüfung hast du gesehen, dass auf jeder Pickliste ein Lagerort eingetragen ist. Aber jetzt zeigt das System nichts mehr an. Drei Artikel findest du trotzdem sofort: Dichtungsringe liegen immer in Regal A-03, Hydraulikschläuche immer in B-12, Kupplungen immer in C-07. Bei den anderen drei Artikeln stehst du vor 4.000 Regalfächern ohne den kleinsten Hinweis. Die könnten überall stecken. In 30 Minuten muss die Ware an der Rampe sein, beim Kunden steht die Produktionslinie still. Warum klappt das Finden bei der einen Hälfte und bei der anderen nicht?
Zwei Prinzipien, ein Lager
Der Unterschied liegt im Zuordnungsprinzip. Die drei Artikel, die du sofort findest, sind nach dem Prinzip der Festplatzlagerung eingelagert. Jeder Artikel hat einen dauerhaft zugewiesenen Lagerplatz. Regal A-03-02 gehört immer den Dichtungsringen, egal ob dort gerade 5 oder 500 Stück liegen. Die anderen drei Artikel folgen der Freiplatzlagerung (auch chaotische Lagerung genannt). Hier bekommt eingehende Ware den nächsten freien Platz zugewiesen. Das Lagerverwaltungssystem (LVS) merkt sich, welcher Artikel wo steht. Ohne LVS gibt es keinen Anhaltspunkt, denn derselbe Artikel kann heute in Fach D-44 und morgen in Fach F-91 liegen. Genau das macht den Systemausfall so kritisch für Freiplatzware.
Welches Prinzip passt zu welchem Lager?
Vier Kriterien im direkten Vergleich
Ob Festplatz oder Freiplatz die bessere Wahl ist, hängt von den Anforderungen des Lagers ab. Vier Kriterien helfen dir bei der Einschätzung:
- Flächennutzung: Festplatzlagerung verschwendet Platz, weil reservierte Fächer auch bei niedrigem Bestand leer bleiben. Freiplatzlagerung nutzt jede Lücke und erreicht eine deutlich höhere Raumauslastung.
- Systemabhängigkeit: Festplatzlagerung funktioniert auch ohne IT, weil die Zuordnung fest und bekannt ist. Freiplatzlagerung ist vollständig abhängig vom LVS. Fällt es aus, steht die Kommissionierung still.
- Suchaufwand: Bei Festplatz kennt jede erfahrene Arbeitskraft die Wege auswendig. Bei Freiplatz führt nur das LVS zum richtigen Fach.
- Sortimentsgröße: Kleine, stabile Sortimente passen gut zur Festplatzlagerung. Große, wechselnde Sortimente (z.B. im E-Commerce mit saisonalen Artikeln) profitieren von der Flexibilität der Freiplatzlagerung.
Das passende Prinzip für die Situation wählen
Jetzt wird es konkret. Ein kleiner Betrieb mit 200 Ersatzteilen und instabiler WLAN-Verbindung braucht ein System, das auch offline funktioniert. Hier passt Festplatzlagerung: Das Sortiment ist überschaubar, die Platzverschwendung hält sich in Grenzen, und bei Netzwerkproblemen kann trotzdem kommissioniert werden. Ganz anders sieht es bei einem wachsenden E-Commerce-Lager mit 15.000 Artikeln aus, von denen monatlich hunderte neu ins Sortiment kommen und andere wieder verschwinden. Reservierte Plätze für jeden Artikel wären hier eine enorme Platzverschwendung. Die Freiplatzlagerung mit einem zuverlässigen LVS nutzt die Fläche optimal und passt sich flexibel an das wechselnde Sortiment an. Empfindliche Ware wie temperaturkritische Güter kann dabei trotzdem in festgelegten Lagerzonen (z.B. Kühlbereich) landen. Das LVS wählt dann nur innerhalb dieser Zone den freien Platz.
Lernziele
- Festplatz- und Freiplatzlagerung anhand zentraler Kriterien vergleichen, indem mindestens 4 Kriterien (Flächennutzung, Systemabhängigkeit, Suchaufwand, Eignung für Sortimentsgröße) für beide Lagerprinzipien gegenübergestellt und die Auswirkungen eines Systemausfalls auf jede Variante beschrieben werden
- Das passende Lagerplatzzuordnungsprinzip für beschriebene Lagerszenarien beurteilen, indem für jedes Szenario (z.B. kleines Sortiment mit hohem Systemausfallrisiko vs. wachsendes E-Commerce-Lager mit wechselndem Sortiment) das geeignetere Lagerprinzip gewählt und die Entscheidung mit mindestens 2 szenariospezifischen Argumenten begründet wird