Kommissionierauftrag und Belegprüfung
Fünf Aufträge, drei Probleme, kein Plan?
Mittwochnachmittag in der Kommissionierzone
Mittwoch, 13:30 Uhr, Kommissionierzone B. Scanner piepen, Stapler brummen durch den Gang. Fünf frisch gedruckte Picklisten liegen vor dir auf dem Packtisch. Beim Durchblättern fallen dir drei Dinge auf:
- Ein Auftrag trägt eine rote Eilauftrags-Markierung mit Abholzeit 15:00 Uhr.
- Ein anderer verlangt eine bestimmte Charge (CH-2024-07) mit konkreter MHD-Vorgabe.
- Beim dritten zeigt das System nur 40 Stück verfügbar, obwohl die Liste 50 Stück fordert.
Du hältst den Stapel in der Hand. Wo fängst du an? Welche Information auf dem Beleg sagt dir, was zuerst passieren muss?
Warum die Pickliste mehr ist als eine Einkaufsliste
Was passiert eigentlich mit verderblicher Ware, wenn du bei der Empfindlichkeitsprüfung festgestellt hast, dass sie temperaturempfindlich ist und ein begrenztes MHD hat? Genau hier setzt die Belegprüfung an. Die Pickliste (auch Kommissionierliste) enthält alle Informationen, die du brauchst, um einen Auftrag fehlerfrei zusammenzustellen. Ohne systematische Prüfung vor dem Loslaufen ins Regal riskierst du falsche Chargen beim Kunden, verpasste Abholzeiten und Mengenabweichungen, die erst beim Versand auffallen.
Was steht auf einer Kommissionierliste?
Die 8 Pflichtbestandteile im Überblick
Jede Kommissionierliste enthält 8 Pflichtbestandteile, die du kennen musst:
- Auftragsnummer - eindeutige Zuordnung zum Kundenauftrag
- Artikelbezeichnung - welches Produkt gesucht wird
- Menge - Soll-Stückzahl für diesen Auftrag
- Lagerort - Regalplatz, Gang und Fach (z.B. A-03-12)
- Chargennummer - falls der Kunde eine bestimmte Produktionscharge verlangt
- MHD-Angabe - Mindesthaltbarkeitsdatum, besonders bei verderblicher Ware
- Prioritätsstatus - Normal, Eil oder Express
- Bearbeiter:in - wer den Auftrag kommissioniert
Fehlt auch nur eines dieser Felder oder ist es unleserlich, darfst du nicht einfach loskommissionieren. Erst klären, dann laufen.
Die 4 Prüfschritte der Belegprüfung
Zurück zu deinen fünf Picklisten. Die Belegprüfung folgt einer festen Reihenfolge, bevor du auch nur einen Schritt Richtung Regal machst:
Schritt 1 - Eilauftrags-Erkennung: Du sichtest alle Aufträge und ziehst den mit der roten Markierung vor. Der muss bis 15:00 Uhr raus.
Schritt 2 - Mengenkontrolle: Stimmt die Soll-Menge auf der Liste mit dem Systembestand überein? Bei deinem dritten Auftrag (50 Soll, 40 verfügbar) stoppst du hier sofort.
Schritt 3 - Chargenprüfung: Ist eine Chargennummer vorgegeben (z.B. CH-2024-07), prüfst du im System, ob genau diese Charge am angegebenen Lagerort liegt.
Schritt 4 - MHD-Kontrolle: Reicht das Mindesthaltbarkeitsdatum der Ware für den Kunden aus? Eine Charge mit MHD in drei Tagen taugt nicht für einen Kunden, der die Ware erst in zwei Wochen verarbeitet.
Was tun bei Mengenabweichung?
Der Fall: 50 Stück gefordert, 40 verfügbar
Bei deinem dritten Auftrag hast du in Schritt 2 eine Abweichung entdeckt: Die Pickliste fordert 50 Stück, das System zeigt nur 40. Eigenmächtig 40 Stück picken und hoffen, dass es keiner merkt? Keine Option. Die Handlungsfolge ist klar geregelt:
- Rücksprache mit der Lagerleitung: Du meldest die Abweichung sofort. Nur die Lagerleitung entscheidet, ob eine Teillieferung akzeptabel ist oder der Auftrag warten muss.
- Teilkommissionierung: Gibt die Lagerleitung grünes Licht, kommissionierst du die verfügbaren 40 Stück und dokumentierst die Restmenge auf dem Beleg.
- Fehlmengenmeldung: In jedem Fall erstellst du eine schriftliche Fehlmengenmeldung. Sie geht an Einkauf und Disposition, damit Nachschub bestellt und der Kunde informiert wird.
Warum jeder dieser Schritte nötig ist
Die drei Schritte sind kein bürokratischer Aufwand, sondern schützen den gesamten Prozess. Ohne Rücksprache triffst du eine Entscheidung, die nicht in deiner Verantwortung liegt. Vielleicht erwartet der Kunde die volle Menge und akzeptiert keine Teillieferung. Ohne Dokumentation auf dem Beleg stimmen Lagerbestand und Lieferschein nicht überein. Das erzeugt Folgefehler bei der Inventur. Und ohne Fehlmengenmeldung erfährt der Einkauf nichts von der Lücke. Der Artikel bleibt unterbestückt, und beim nächsten Auftrag tritt dasselbe Problem auf.
Zurück zu deinen fünf Aufträgen
Der Eilauftrag mit Chargenvorgabe
Du wendest die 4 Prüfschritte jetzt auf den Eilauftrag an. Er verlangt 20 Stück eines Lebensmittels, Charge CH-2024-07, MHD 15.03.2025. Der Kunde verarbeitet die Ware innerhalb einer Woche.
- Schritt 1: Eilauftrag erkannt und vorgezogen. Abholzeit 15:00 Uhr, also zuerst bearbeiten.
- Schritt 2: Mengenkontrolle: System zeigt 25 Stück verfügbar. 20 gefordert. Passt.
- Schritt 3: Chargenprüfung: CH-2024-07 liegt laut System in Regal C-02-08. Stimmt mit dem Lagerort auf der Liste überein.
- Schritt 4: MHD-Kontrolle: 15.03.2025 liegt mehr als eine Woche in der Zukunft. Für den Kunden ausreichend.
Alle vier Schritte bestanden. Du kannst loskommissionieren.
Dein Transfer: Ein neuer Auftrag landet auf dem Tisch
Ein sechster Auftrag kommt per Nachdruck dazu: 30 Stück Elektronikbauteile, Charge CH-2024-11, kein Eilauftrag, kein MHD (nicht verderblich). Das System zeigt 30 Stück verfügbar, aber am Lagerort D-05-03 liegt laut System die Charge CH-2024-09 statt CH-2024-11.
Lernziele
- Eine Belegprüfung unter Einbeziehung von Chargen- und MHD-Vorgaben sowie Auftragspriorität durchzuführen, indem eine vorgegebene Pickliste (mit eingetragener Chargennummer z.B. CH-2024-07, MHD-Angabe und Eilauftrags-Markierung) vollständig geprüft wird und alle 4 Prüfschritte — Mengenkontrolle, Chargenprüfung gegen Systemdaten, MHD-Kontrolle auf Mindesthaltbarkeit, Eilauftrags-Erkennung und Vorziehung — in richtiger Reihenfolge nachvollziehbar abgearbeitet werden
- Eine Mengenabweichung zwischen Pickliste und Systembestand zu analysieren und eine schrittweise Handlungsfolge zu bestimmen, indem für einen vorgegebenen Abweichungsfall die Schritte (Rücksprache mit Lagerleitung, Teilkommissionierung, Fehlmengenmeldung) korrekt bestimmt und deren betriebliche Notwendigkeit begründet wird
- Die Pflichtbestandteile einer Kommissionierliste zu nennen, indem mindestens 6 von 8 Pflichtbestandteilen (u.a. Auftragsnummer, Artikelbezeichnung, Menge, Lagerort, Chargennummer, MHD-Angabe, Prioritätsstatus, Bearbeiter) korrekt aufgezählt werden