Ergonomie und Arbeitsplatzgestaltung
Wie bewertest du die Belastung an einem Kommissionierplatz systematisch?
Drei Krankmeldungen, ein Arbeitsplatz
"Drei Leute sind diese Woche wegen Rücken ausgefallen", sagt deine Schichtleitung und legt dir Fotos vom Kommissionierplatz auf den Tisch. Schwere Kartons in der untersten und obersten Regalebene, kein höhenverstellbarer Packtisch, lange Greifwege zur Sammelpalette. Sie will von dir eine systematische Bewertung der Belastung und konkrete Verbesserungsvorschläge.
Beim Thema Arbeitssicherheit bei der Kommissionierung hast du gelernt, wie du einzelne Kartons rückenschonend hebst: Knie beugen, Rücken gerade, Last körpernah. Diese Regeln schützen beim einzelnen Griff. Doch wie findest du heraus, ob der gesamte Arbeitsplatz auf Dauer zu stark belastet? Genau dafür gibt es die Leitmerkmalmethode.
Die vier Leitmerkmale erfassen und bewerten
Die Leitmerkmalmethode (LMM) macht ergonomische Belastung messbar. Du erfasst vier Leitmerkmale und vergibst für jedes Punktwerte:
- Körperhaltung: Wie oft wird gebückt, verdreht oder über Kopf gearbeitet?
- Lastengewicht: Wie schwer sind die Kartons oder Gebinde?
- Ausführungshäufigkeit: Wie viele Hebe- oder Greifvorgänge fallen pro Schicht an?
- Ausführungsdauer: Wie lange dauert die belastende Tätigkeit insgesamt?
Am Kommissionierplatz aus der Besprechung: Körperhaltung bekommt hohe Punktwerte, weil ständig gebückt und überstreckt gegriffen wird. Das Lastengewicht liegt bei 12 bis 18 kg pro Karton. Die Häufigkeit ist hoch mit über 200 Griffen pro Schicht, die Dauer erstreckt sich über die volle Schichtlänge. Alle Einzelwerte werden zu einem Gesamtrisikowert zusammengeführt. Je höher der Wert, desto dringender der Handlungsbedarf. Dieser Platz landet klar im roten Bereich: hohe Belastung, sofortige Maßnahmen nötig.
Welche technische Änderung bringt am meisten?
Hubtisch: Sofortwirkung auf Haltung und Last
Der Gesamtrisikowert zeigt: Körperhaltung und Lastengewicht treiben die Belastung am stärksten. Zwei technische Maßnahmen setzen genau dort an.
Ein Hubtisch hebt oder senkt die Sammelpalette automatisch auf eine ergonomische Arbeitshöhe zwischen Hüft- und Brusthöhe. Das verändert sofort zwei Faktoren: Die Körperhaltung verbessert sich, weil tiefes Bücken zur Palette wegfällt. Gleichzeitig sinkt die gefühlte Last, weil Kartons nicht mehr aus der Tiefe hochgehoben werden müssen. Die Pickleistung steigt, weil jeder Ablegevorgang schneller geht. Die Fehlerquote sinkt, weil du bei aufrechter Haltung konzentrierter arbeitest und Etiketten besser lesen kannst.
Greifraumoptimierung: Tiefer Eingriff mit nachhaltigem Effekt
Die Greifraumoptimierung verlagert häufig gegriffene Artikel in den optimalen Greifbereich zwischen 60 und 120 cm Höhe. Schwere oder schnelldrehende Artikel kommen auf mittlere Regalebenen, leichte nach oben oder unten. Das reduziert Überkopfarbeit und tiefes Bücken deutlich. Die Pickleistung profitiert von kürzeren Greifwegen, und Fehler nehmen ab, weil Artikel auf Augenhöhe leichter zu identifizieren sind.
Welche Maßnahme hat Vorrang? Der Hubtisch wirkt sofort auf die Ablegeseite und erfordert keine Umstrukturierung des Regals. Die Greifraumoptimierung greift tiefer, braucht aber Umlagerungszeit und eine aktuelle ABC-Analyse. Für den akuten Fall mit drei Krankmeldungen ist der Hubtisch die vorrangige Maßnahme: schnell umsetzbar, mit direkter Wirkung auf Rückenbelastung und Pickleistung.
Wie sieht ein ergonomisch optimiertes Arbeitsplatzlayout aus?
Drei Kernelemente für das Layout
Du kennst jetzt die Bewertungsmethode und die wichtigsten Maßnahmen. Der nächste Schritt: ein komplettes Layout entwerfen, das alles zusammenführt.
Ein ergonomisch optimiertes Kommissionierarbeitsplatzlayout berücksichtigt drei Kernelemente:
Greifraum-Zonen: Der optimale Greifbereich liegt zwischen 60 und 120 cm Höhe. Artikel mit mehr als 50 Griffen pro Schicht gehören in diese Zone. Alles unter 40 cm oder über 160 cm ist Vermeidungszone für schwere Lasten.
Arbeitshöhen: Der Packtisch sollte höhenverstellbar sein. Für stehende Tätigkeiten liegt die ideale Höhe bei 85 bis 110 cm. Bei wechselnden Körperhaltungen ermöglicht ein Steh-Sitz-Arbeitsplatz regelmäßige Entlastung.
Lastreduzierendes Hilfsmittel: Ein Hubtisch auf der Ablegeseite senkt die Belastung beim Umsetzen schwerer Gebinde.
Zwei konkrete Verbesserungen gegenüber dem Ausgangszustand
Gegenüber dem Arbeitsplatz aus der Besprechung ergeben sich zwei zentrale Verbesserungen:
- Wegfall der Extremhaltungen: Durch die Greifraum-Zonierung und den höhenverstellbaren Packtisch entfallen tiefes Bücken und Überkopfgreifen fast vollständig. Der Punktwert für Körperhaltung in der Leitmerkmalmethode sinkt deutlich.
- Reduzierte Spitzenbelastung: Der Hubtisch auf der Ablegeseite halbiert die effektive Hubhöhe. Statt Kartons aus Bodennähe auf eine starre Palette zu heben, legst du sie auf Hüfthöhe ab. Das senkt den Gesamtrisikowert um mindestens eine Risikostufe.
Lernziele
- die Leitmerkmalmethode zur Bewertung ergonomischer Belastung an einem Kommissionierplatz durchzuführen, indem für einen vorgegebenen Kommissionierplatz alle vier Leitmerkmale (Körperhaltung, Lastengewicht, Ausführungshäufigkeit und Ausführungsdauer) erfasst, mit den vorgegebenen Punktwerten belegt und zu einem Gesamtrisikowert zusammengeführt werden, wobei die Abweichung vom Musterwert maximal eine Risikostufe betragen darf
- technische Anpassungsmaßnahmen an einem Kommissionierarbeitsplatz hinsichtlich ihrer Wirkung auf Belastung und Pickleistung zu bewerten, indem für zwei vorgegebene Maßnahmen jeweils mindestens zwei konkrete Auswirkungen auf die körperliche Belastung und die Pickleistung benannt und begründet werden, und indem abschließend eine der beiden Maßnahmen als vorrangig umzusetzend empfohlen und diese Entscheidung mit mindestens zwei Argumenten belegt wird
- ein ergonomisch optimiertes Kommissionierarbeitsplatzlayout zu entwerfen, indem eine Layoutskizze erstellt wird, die Greifraumoptimierung, korrekte Arbeitshöhen für stehende und wechselnde Körperhaltungen sowie den Einsatz mindestens eines lastreduzierenden Hilfsmittels ausweist, und indem mindestens zwei konkrete ergonomische Verbesserungen gegenüber dem vorgegebenen Ausgangszustand schriftlich benannt und begründet werden