Drei Gewichtsklassen, ein Kommissionierwagen - was läuft hier falsch?
Anja und der dritte Sack
Anja schiebt den Kommissionierwagen durch Gang 7 der Kommissionierzone. Mittwochnachmittag, 16:00 Uhr, noch vier Aufträge vor Schichtende. Neun Positionen hat sie gepickt: Kleinteile unter 500 Gramm und Kartons um die 8 Kilo. Jetzt steht sie vor den letzten sechs Positionen - 25-Kilo-Säcke, unterste Regalebene. Nach dem dritten Sack meldet sich ihr Rücken.
Du kennst bereits die Lastgrenzwerte aus dem Thema Handtransport und Ergonomie. Hier setzt die Frage nach dem richtigen Entnahmeverfahren an. Anja nutzt für alle drei Gewichtsklassen denselben Griff: die reine Handentnahme. Bei Kleinteilen funktioniert das. Bei 25 Kilo ohne Hilfsmittel riskiert sie chronische Rückenschäden. Die LasthandhabV verpflichtet dabei den Arbeitgeber (§2: Gefährdungsbeurteilung, geeignete organisatorische Maßnahmen und Arbeitsmittel bereitstellen; §3: körperliche Eignung der Beschäftigten berücksichtigen). Die konkreten Lastrichtwerte ergeben sich aus der BAuA-Leitmerkmalmethode (LMM-HHT), nicht aus der Verordnung direkt.
Drei Verfahren für drei Anforderungen
In der Kommissionierung gibt es drei grundlegende Entnahmeverfahren:
- Manuelle Entnahme: Die Person greift den Artikel per Hand aus dem Fach. Typisch für leichte, gut greifbare Artikel wie T-Shirts oder Kleinteile in Blistern.
- Mechanische Entnahme: Ein Hilfsmittel unterstützt den Griff - Vakuumheber für schwere Säcke, Scherenhubtische für Paletten. Die Person steuert, das Gerät trägt die Last.
- Automatische Entnahme: Ein Greifroboter oder ein automatisches Kleinteilelager übernimmt den Vorgang ohne menschlichen Zugriff. Typisch für Medikamentenpackungen in Versandzentren oder standardisierte Elektronikbauteile.
⚖️ Vergleich im Kopf: Was unterscheidet die mechanische von der automatischen Entnahme - wo genau liegt die Grenze zwischen "Mensch steuert" und "Maschine entscheidet"?
Welche Kriterien bestimmen das richtige Verfahren?
Von Anjas Problem zu den fünf Entscheidungskriterien
Anjas Fehler war, alle Artikel mit demselben Verfahren zu picken. Fünf Kriterien bestimmen, welches Verfahren zu welchem Artikel passt:
- Gewicht: Unter 10 kg ist Handentnahme ergonomisch vertretbar. Ab 15 kg wird mechanische Unterstützung nötig. 30-Kilo-Zementsäcke erfordern einen Vakuumheber, um Rückenschäden zu vermeiden. Hinweis: Diese Werte sind Praxis-Faustregeln; verbindlich ist die BAuA-Leitmerkmalmethode LMM-HHT (Leitmerkmalmethode Heben/Halten/Tragen), die Last, Häufigkeit und Körperhaltung kombiniert wichtet - keine starre kg-Grenze.
- Stückzahl pro Schicht: Bei 50 Picks am Tag reicht die manuelle Entnahme. Bei 5.000 Medikamentenpackungen pro Stunde schafft das nur ein Greifroboter.
- Greifbarkeit: T-Shirts lassen sich einfach greifen - weich, leicht, formstabil im Fach. Runde Flaschen oder lose Schüttgüter brauchen angepasste Greifer.
- Investitionskosten: Ein Textillager mit Fachbodenregalen braucht keine teure Entnahmetechnik. Ein vollautomatisches System rechnet sich erst bei dauerhaft hohem Durchsatz.
- Fehlerquote: Manuelle Entnahme liegt bei 0,3 bis 0,5 % Fehlgriffen. Automatische Systeme erreichen unter 0,01 %. In der Pharmazie kann ein falsches Medikament lebensbedrohlich sein.
Drei Sortimente, drei Verfahren
Wie wirken die Kriterien in der Praxis zusammen?
- Textilien (T-Shirts, Pullover): Gewicht unter 1 kg, gute Greifbarkeit. Ergebnis: manuelle Entnahme per Handgriff.
- Zementsäcke (30 kg): Hohes Gewicht, moderate Stückzahl pro Schicht. Ergebnis: mechanische Entnahme per Vakuumheber. Das schützt den Rücken und hält die Investition überschaubar.
- Medikamentenpackungen: Geringes Gewicht, aber extrem hohe Stückzahl und minimale Fehlerquote erforderlich. Ergebnis: automatische Entnahme per Greifroboter oder AKL.
🧑🏫 Erkläre es im Kopf: Formuliere eine WhatsApp-Nachricht an deine Kollegin, die unsicher ist, warum Zementsäcke nicht per Hand gepickt werden sollten, obwohl das schneller geht als den Vakuumheber zu holen. Welche zwei Kriterien nennst du?
Wie arbeiten die Verfahren im gemischten Sortiment zusammen?
So hätte Anjas Auftrag laufen müssen
So hätte Anjas Auftrag laufen müssen: Die Kleinteile und 8-Kilo-Kartons kommen per Handgriff vom Fachbodenregal. Die 25-Kilo-Säcke übernimmt der Vakuumheber an der mechanischen Station. In einem Lager mit Pharma-Sortiment stellt ein AKL die Medikamentenpackungen automatisch bereit.
An den Übergabepunkten zwischen den Verfahren lauern Fehlerquellen:
Schnittstelle manuell → mechanisch:
- Zeitversatz: Manuell gepickte Artikel warten an der Sammelstelle, während die Person zur Hebestation wechselt.
- Zuordnungsfehler: Ohne Scannung an der Übergabe landen Positionen im falschen Auftrag.
- Lösung: Eine Übergabestation mit Barcode-Scan, die jeden Artikel automatisch dem Auftrag zuordnet.
Schnittstelle automatisch → manuell:
- Formatwechsel: Der Greifroboter gibt standardisierte Behälter aus. Sonderformate muss die Person manuell nachpicken.
- Systemausfall: Fällt das AKL aus, muss sofort auf manuelle Entnahme umgeschaltet werden.
- Lösung: Ein Notfall-Pickplan mit ausgedruckten Stellplatznummern, der bei Systemausfall sofort greift.
Kein Verfahren steht allein
Anjas Rückenschmerzen waren ein Warnsignal. Das richtige Entnahmeverfahren schützt nicht nur die Gesundheit, sondern senkt Fehlerquoten und hält den Durchsatz stabil. In einem gemischten Sortiment arbeiten alle drei Verfahren parallel - verbunden durch definierte Übergabepunkte mit klarer Scannung und Notfallplänen.
📝 Fasse mental zusammen: Welches Verfahren passt zu welcher der drei Artikelgruppen in Anjas Auftrag, und warum reicht ein einziges Verfahren für alle drei nicht aus?
Teste dein Wissen
Anja entnimmt 25-Kilo-Säcke von der untersten Regalebene per Hand. Welchem der drei grundlegenden Entnahmeverfahren entspricht ihr aktuelles Vorgehen?