Einzel- und Sammelkommissionierung
Warum schafft deine Kollegin doppelt so viele Aufträge?
Das Problem: Neunmal durch denselben Gang
"Du warst heute schon neunmal in Gang 4, oder?" Deine Kollegin schiebt ihren vollen Wagen vorbei und grinst. "Ich hab meine 20 Aufträge fast durch." Du schaust auf dein Display: 18 offene Aufträge, Versandschluss um 16 Uhr. Mit deinem Tempo schaffst du höchstens 10 davon. Rollwagen rattern über den Betonboden der Kommissionierzone, und dir wird klar: Jeder nicht fertige Auftrag verzögert die Zustellung um einen Tag. Der wartende Spediteur berechnet 80 Euro Standgeld pro angefangene halbe Stunde.
Beim Thema Kommissionierung vorbereiten hast du gesehen, dass eine geprüfte Route vor dem ersten Griff ins Regal Zeit spart. Aber selbst mit perfekter Vorbereitung läufst du dieselben Gänge immer wieder ab, wenn du jeden Auftrag einzeln bearbeitest. Deine Kollegin macht etwas grundlegend anders: Sie fasst mehrere Aufträge zu einem Durchgang zusammen.
Zwei Methoden im Vergleich: Einzel- vs. Sammelkommissionierung
Was du bisher machst, heißt Einzelkommissionierung (auftragsorientierte Kommissionierung). Du nimmst einen Kundenauftrag, läufst die Positionen ab, legst die Ware in den Behälter und bringst ihn zum Versand. Erst dann startest du den nächsten Auftrag. Zwei typische Merkmale:
- Jeder Behälter gehört genau einem Auftrag - keine Verwechslungsgefahr.
- Die Weglänge steigt mit jedem zusätzlichen Auftrag, weil du dieselben Gänge mehrfach besuchst.
Deine Kollegin nutzt die Sammelkommissionierung (Batchkommissionierung). Sie bündelt 5 Kundenaufträge, entnimmt alle benötigten Artikel in einer einzigen Runde und sortiert die Ware danach auf die einzelnen Aufträge. Zwei typische Merkmale:
- Ein Durchgang deckt mehrere Aufträge ab, die Wegstrecke pro Auftrag sinkt drastisch.
- Nach der Entnahme folgt ein Sortieraufwand: Die Artikel müssen den richtigen Kundenaufträgen zugeordnet werden.
Genau dieser Sortieraufwand lohnt sich trotzdem, weil die eingesparte Wegzeit den zusätzlichen Sortierschritt mehr als ausgleicht.
Wann lohnt sich der Wechsel zur Sammelkommissionierung?
Fehlerrisiko und Weglänge im direkten Vergleich
Wenn du statt eines Auftrags fünf parallel in denselben Wagen kommissionierst, verschieben sich mehrere Kennzahlen gleichzeitig:
Vorteile der Sammelkommissionierung:
- Weglänge pro Auftrag sinkt um bis zu 50-70 %, weil identische Lagerorte nur einmal angelaufen werden.
- Durchlaufzeit für den gesamten Batch ist deutlich kürzer als die Summe der Einzeldurchläufe.
Nachteile der Sammelkommissionierung:
- Sortierfehler steigen, weil Artikel beim Verteilen dem falschen Kundenauftrag zugeordnet werden können. Ohne technische Unterstützung (etwa Pick-by-Scan) passiert das besonders bei ähnlichen Artikeln.
- Sortieraufwand kommt als zusätzlicher Arbeitsschritt hinzu, der Platz, Zeit und Konzentration erfordert.
Bei der Einzelkommissionierung ist es umgekehrt: Die Zuordnung ist fehlerfrei (ein Behälter, ein Auftrag), aber du bezahlst das mit langen, sich wiederholenden Wegen.
Die Entscheidung: Ab wann wird der Wechsel wirtschaftlich?
Ob sich Batchkommissionierung lohnt, hängt von drei Faktoren ab:
- Auftragsmenge pro Zeitfenster: Bei wenigen Aufträgen (unter 5-8 pro Stunde) überwiegt der Sortieraufwand den Wegvorteil. Ab etwa 10-15 gleichzeitig offenen Aufträgen mit überlappenden Artikeln wird der Batch spürbar schneller.
- Artikelstruktur: Wenn viele Aufträge dieselben Lagerorte betreffen (z.B. Schnelldreher in wenigen Gängen), steigt der Wegvorteil stark. Bei komplett unterschiedlichen Artikeln bringt das Bündeln wenig.
- Fehlertoleranz und Technik: Ohne Scanner oder Sortiersystem wächst die Fehlerrate mit der Batchgröße. Mit Pick-by-Scan bleibt sie kontrollierbar.
Für das Szenario vom Anfang bedeutet das: 18 offene Aufträge im Trockensortiment, viele davon mit Positionen in denselben Gängen. Hier ist die Sammelkommissionierung klar überlegen. Der Sortieraufwand am Ende kostet vielleicht 10 Minuten, spart aber über eine Stunde Wegzeit.
Lernziele
- zu erklären, warum bei der Sammelkommissionierung mehrere Aufträge parallel bearbeitet werden, obwohl danach ein Sortieraufwand entsteht, indem für ein Lagerbeispiel mit mindestens 5 Kundenaufträgen der jeweilige Ablauf, der entstehende Sortieraufwand und die typischen Einsatzbedingungen beider Methoden beschrieben sowie je zwei charakteristische Merkmale pro Methode korrekt benannt werden
- Fehlerrisiko und Wegelänge bei Einzel- und Sammelkommissionierung zu vergleichen, indem die Auswirkungen des parallelen Kommissionierens von 5 Aufträgen gegenüber dem Einzelauftrag auf Wegstrecke, Sortierfehler und Durchlaufzeit untersucht und mindestens 2 Vor- sowie 2 Nachteile je Methode benannt werden
- zu beurteilen, ab welcher Auftragsmenge der Wechsel von der Einzelkommissionierung zur Batchkommissionierung wirtschaftlich sinnvoll ist, indem für ein vorgegebenes Lagerszenario die Schwellenwerte für Auftragsmenge und Artikelstruktur abgeleitet und die Entscheidung mit Bezug auf Durchlaufzeit, Fehlerrate und Sortieraufwand plausibel begründet wird