Lagerkennzahlen: Überblick und Bedeutung
Die Inventurlisten liegen vor — aber was sagen sie wirklich?
Stückzahlen allein zeigen nicht den Lagerzustand
847 verschiedene Artikel, sauber gezählt und dokumentiert. Die Inventurlisten sind fertig. Deine Lagerleiterin fragt: "Und, wie steht's um unser Lager?" Du schaust auf die Zahlen und merkst: Du kannst sagen, was da ist. Aber nicht, ob es sich lohnt.
Die Inventurdurchführung und Dokumentation ist die Grundlage für aussagekräftige Lagerkennzahlen: Ohne korrekt erfasste Bestände lassen sich keine verlässlichen Kennzahlen berechnen. Aber die Bestandsliste allein verrät nicht, ob Artikel seit Monaten unberührt auf teuren Stellplätzen stehen oder ob gebundenes Kapital für dringende Nachbestellungen fehlt. Genau diese Lücke füllen Lagerkennzahlen.
Die sieben Kernkennzahlen im Überblick
Lagerleitungen arbeiten mit einem Set aus sieben Kernkennzahlen, die zusammen ein vollständiges Bild ergeben:
- Umschlagshäufigkeit — wie oft der Bestand pro Periode komplett ersetzt wird
- Lagerreichweite — wie lange der aktuelle Bestand reicht
- Lagerkostensatz — Lagerkosten im Verhältnis zum durchschnittlichen Lagerwert
- Kapitalbindungskosten — Kosten für das im Lager gebundene Kapital
- Flächennutzungsgrad — wie effizient die Lagerfläche genutzt wird
- Fehlmengenquote — Anteil nicht lieferbarer Positionen
- Lieferbereitschaftsgrad — Anteil sofort bedienbarer Kundenaufträge
Jede einzelne Kennzahl beleuchtet einen anderen Aspekt. Erst das Zusammenspiel zeigt, ob ein Lager wirtschaftlich arbeitet.
Was verrät die Umschlagshäufigkeit über dein Lager?
Die Berechnung an einem konkreten Beispiel
Die Umschlagshäufigkeit (UH) berechnet sich so:
UH = Jahresabsatz / Durchschnittsbestand
Ein Beispiel: Dein Lager setzt pro Jahr 240.000 Einheiten eines Artikels ab. Im Durchschnitt liegen 30.000 Einheiten auf Lager.
240.000 / 30.000 = 8
Der Bestand wird also 8-mal pro Jahr komplett umgeschlagen. Anders gesagt: Alle 45 Tage (365 / 8) ist der gesamte Bestand einmal durch das Lager geflossen. Das ist gleichzeitig die Lagerreichweite — die Kehrseite derselben Medaille.
Warum die Umschlagshäufigkeit mehr sagt als der Bestand
Ein reiner Bestandsausweis zeigt dir: "30.000 Einheiten auf Lager." Klingt nach viel oder wenig — ohne Kontext weißt du es nicht. Die Umschlagshäufigkeit liefert genau diesen Kontext.
Eine hohe Umschlagshäufigkeit (z.B. 8 oder mehr) bedeutet:
- Ware bleibt kurz im Lager und bindet wenig Kapital
- Lagerplätze werden effizient genutzt
- Das Risiko für Verderb oder Veralterung sinkt
Eine niedrige Umschlagshäufigkeit (z.B. 2) bedeutet: Ware liegt im Schnitt ein halbes Jahr. Das Kapital, das in diesen Beständen steckt, steht nicht für Nachbestellungen schnell drehender Artikel zur Verfügung. Genau das ist die wirtschaftliche Kernaussage dieser Kennzahl.
Drei Kennzahlen, ein Gesamtbild
Wie Umschlagshäufigkeit, Lagerreichweite und Lagerkostensatz zusammenhängen
Jetzt wird es spannend: Einzelne Kennzahlen erzählen nur einen Teil der Geschichte. Erst wenn du sie zueinander in Beziehung setzt, erkennst du Handlungsbedarf.
Angenommen, du liest folgende Werte ab:
- Umschlagshäufigkeit: 4 (Bestand wird 4-mal pro Jahr ersetzt)
- Lagerreichweite: 90 Tage (Bestand reicht 3 Monate)
- Lagerkostensatz: 18% (Lagerkosten betragen 18% des durchschnittlichen Lagerwerts)
Die niedrige Umschlagshäufigkeit und die hohe Reichweite passen zusammen: Ware liegt lange. Der Lagerkostensatz von 18% zeigt, dass diese lange Liegezeit teuer ist. Jeder Euro, der 90 Tage im Regal steckt, kostet 18 Cent an Lagerkosten pro Jahr. Die drei Kennzahlen bestätigen sich gegenseitig und zeigen gemeinsam: Hier wird zu viel Kapital zu lange gebunden.
Optimierungshinweise ableiten
Aus diesem Kennzahlensatz lassen sich konkrete Maßnahmen formulieren:
Hinweis 1 — Bestandsreduzierung bei Langsamdrehern: Eine Umschlagshäufigkeit von 4 deutet auf Artikel hin, die zu selten abgerufen werden. Durch eine ABC-Analyse lassen sich Langsamdreher (C-Artikel) identifizieren. Deren Sicherheitsbestände kannst du gezielt senken, um die Umschlagshäufigkeit zu steigern und die Reichweite zu verkürzen.
Hinweis 2 — Bestellrhythmus anpassen: Statt große Mengen selten zu bestellen, könnten häufigere, kleinere Bestellungen den Durchschnittsbestand senken. Das reduziert die Kapitalbindung direkt und drückt den Lagerkostensatz, weil weniger Ware gleichzeitig Platz und Pflege beansprucht.
Lernziele
- Die wirtschaftliche Aussage der Umschlagshäufigkeit anhand eines Zahlenbeispiels zu erläutern, indem die Kennzahl an einem konkreten Beispiel (Jahresabsatz 240.000 Einheiten, Durchschnittsbestand 30.000 Einheiten → Umschlagshäufigkeit 8) berechnet, ihre Aussage zur Kapitalbindung und Lagereffizienz erklärt und der Unterschied zu einem reinen Bestandsausweis beschrieben wird
- Gängige Lagerkennzahlen zu nennen, indem mindestens 5 von 7 Kernkennzahlen (z.B. Umschlagshäufigkeit, Lagerreichweite, Lagerkostensatz, Kapitalbindungskosten, Flächennutzungsgrad, Fehlmengenquote, Lieferbereitschaftsgrad) korrekt benannt werden
- Einen vorgegebenen Kennzahlensatz zu analysieren und Optimierungshinweise abzuleiten, indem die Kennzahlen zueinander in Beziehung gesetzt werden und mindestens 2 begründete Optimierungshinweise mit Bezug auf konkrete Kennzahlenwerte schriftlich formuliert werden