Lernfeld 3: Güter bearbeiten

Lagerkennzahlen interpretieren und Maßnahmen ableiten

Lerninhalt aus der Ausbildung zum Fachlagerist:in

Lagerkennzahlen interpretieren und Maßnahmen ableiten

Quartalszahlen auf dem Tisch - was sagen die Kennzahlen?

Die Verbesserungsbesprechung

Mittwochnachmittag, 13:15 Uhr. Du sitzt in der Verbesserungsbesprechung deines Ausbildungsbetriebs, einem mittelgroßen Elektronikhändler. Auf dem Tisch liegt ein Ausdruck mit gelben Textmarker-Streifen. Deine Lagerleiterin tippt auf die markierten Zeilen: Umschlagshäufigkeit 4,2 statt der geplanten 8, durchschnittliche Lagerdauer 87 Tage, Lagerkostensatz 25 Prozent. Draußen piept ein Stapler beim Rückwärtsfahren. "Die Geschäftsführung will bis morgen früh einen Maßnahmenplan. Schreib mir auf, wo wir ansetzen."

Ohne fundierte Maßnahmen bleiben rund 50.000 Euro pro Jahr an vermeidbaren Lagerkosten gebunden. Langsam drehende Ware blockiert Stellplätze für Schnelldreher, und die nächste Saison steht vor der Tür.

Was verraten die drei Kennzahlen?

Was passiert mit dem Lagerkostensatz, wenn sich der Durchschnittsbestand verändert, die Fixkosten aber gleich bleiben? Genau diesen Zusammenhang hast du bei der Berechnung des Lagerkostensatzes kennengelernt. Jetzt geht es darum, aus den Zahlen Handlungsbedarf abzulesen.

Die drei Kennzahlen hängen eng zusammen:

  • Eine Umschlagshäufigkeit von 4,2 bedeutet: Der gesamte Lagerbestand wird nur gut 4 Mal pro Jahr umgesetzt. Bei einem Zielwert von 8 liegt die Drehgeschwindigkeit bei der Hälfte des Plans.
  • Die Lagerdauer von 87 Tagen bestätigt das Bild: Jeder Artikel liegt im Schnitt fast 3 Monate im Regal, bevor er verkauft wird.
  • Ein Lagerkostensatz von 25 % heißt: Für jeden Euro durchschnittlichen Lagerbestand fallen 25 Cent Lagerkosten pro Jahr an.

Alle drei Werte zeigen in dieselbe Richtung: Zu viel Ware liegt zu lange im Lager und verursacht zu hohe Kosten.

Welche Maßnahmen senken Lagerdauer und steigern die Umschlagshäufigkeit?

Drei Stellschrauben gegen Langsamdreher

Drei konkrete Maßnahmen setzen direkt an der niedrigen Umschlagshäufigkeit an. Hier sind sie nach erwartetem Wirkungsgrad sortiert:

1. Sortimentsbereinigung (höchste Wirkung): Umsatzschwache Artikel werden komplett aus dem Sortiment gestrichen. Wenn 20 % der Artikel nur 3 % des Umsatzes ausmachen, binden sie Stellplätze und Kapital ohne Ertrag. Durch die Streichung sinkt der Durchschnittsbestand, während der Lagerabgang relativ stabil bleibt. Die Umschlagshäufigkeit (Lagerabgang / Durchschnittsbestand) steigt rechnerisch sofort.

2. Gezielter Bestandsabbau durch Sonderaktionen (mittlere Wirkung): Rabattaktionen oder Bündelangebote erhöhen kurzfristig den Lagerabgang. Der Zähler der Umschlagshäufigkeit wächst, die Lagerdauer sinkt. Der Effekt ist schnell spürbar, hält aber nur so lange an, wie die Aktion läuft.

3. Nachverhandlung von Mindestbestellmengen (langfristige Wirkung): Kleinere Bestellmengen bei kürzeren Lieferintervallen senken den Durchschnittsbestand dauerhaft. Der Effekt baut sich langsam auf, wirkt aber nachhaltig auf beide Kennzahlen.

Ist ein Lagerkostensatz von 25 % akzeptabel?

Ob 25 % viel oder wenig sind, lässt sich nur mit Vergleichskriterien beurteilen:

  • Branchentypischer Richtwert: Im Elektronikhandel gelten 15-20 % als üblich. Mit 25 % liegt der Betrieb deutlich darüber.
  • Warenart und Umschlaggeschwindigkeit: Elektronik verliert schnell an Wert (technische Überalterung). Eine hohe Lagerdauer von 87 Tagen verstärkt diesen Wertverlust. Bei Schnelldrehern wie Kabeln oder Batterien wäre ein höherer Kostensatz weniger kritisch als bei Tablets, die nach 6 Monaten zum Auslaufmodell werden.

Fazit: Für diesen Betrieb sind 25 % zu hoch. Beide Kriterien sprechen für Handlungsbedarf.

Zurück zum Ausdruck: Der Maßnahmenkatalog für morgen früh

Vom Befund zum priorisierten Plan

Du hast die Kennzahlen interpretiert und die Stellschrauben identifiziert. Jetzt baust du daraus einen priorisierten Maßnahmenkatalog, den die Lagerleiterin morgen früh vorlegen kann. Ein solcher Katalog enthält für jede Maßnahme vier Angaben: Priorität, Umsetzungszeitraum, konkreter Zielwert und die erwartete Wirkung auf den Lagerkostensatz.

Die Prioritäten folgen einer klaren Logik: A-Maßnahmen wirken direkt auf Bestand und Abgang, sind also schnell messbar. B-Maßnahmen brauchen Verhandlungen mit externen Partnern. C-Maßnahmen senken Prozesskosten, wirken aber erst indirekt auf den Lagerkostensatz.

Warum die Reihenfolge zählt

Der Katalog startet bewusst mit den Sonderaktionen (2 Wochen), obwohl die Sortimentsbereinigung den größeren Effekt hat. Der Grund: Sonderaktionen schaffen sofort freie Stellplätze und liefern der Geschäftsführung einen ersten messbaren Erfolg. Die Sortimentsbereinigung läuft parallel, braucht aber Abstimmung mit dem Einkauf. Erst wenn der Bestand bereinigt ist, lohnt sich die Nachverhandlung der Bestellmengen, weil du dann mit konkreten Bedarfszahlen argumentieren kannst.

Der Zielwert von 19 % nach Umsetzung aller Maßnahmen liegt innerhalb des branchentypischen Korridors von 15-20 %. Damit wäre der Betrieb wieder wettbewerbsfähig aufgestellt.

Lernziele

  • Konkrete Verbesserungsmaßnahmen aus einer niedrigen Umschlagshäufigkeit oder einer hohen Lagerdauer analysieren, indem mindestens 3 Maßnahmen (gezielter Bestandsabbau durch Sonderaktionen, Nachverhandlung von Mindestbestellmengen mit Lieferanten, Streichung umsatzschwacher Artikel aus dem Sortiment) benannt, ihre jeweilige Wirkungsrichtung auf die betroffene Kennzahl rechnerisch oder logisch nachgewiesen und die Maßnahmen nach erwartetem Wirkungsgrad in eine Rangfolge gebracht werden
  • Einen Lagerkostensatz von 25 Prozent im Branchenkontext beurteilen, indem das Urteil mit Bezug auf mindestens 2 Vergleichskriterien (branchentypischer Richtwert, Warenart und Umschlaggeschwindigkeit) nachvollziehbar schriftlich begründet wird
  • Einen priorisierten Maßnahmenkatalog zur Senkung des Lagerkostensatzes entwickeln, indem der Katalog mindestens 4 Maßnahmen mit Priorität, geplantem Umsetzungszeitraum und einem messbaren Zielwert für den Lagerkostensatz enthält
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