Volles Lager, leere Kasse - wie passt das zusammen?
500.000 Euro Warenwert, null Euro Budget
500.000 Euro Warenwert im Lager - und trotzdem kein Budget für einen neuen Kommissionierwagen. Freitagvormittag, 09:15 Uhr in der Finanzplanung: Die Regale sind voll, aber die Buchhaltung meldet, dass die Liquidität kaum für offene Lieferantenrechnungen reicht.
Der Widerspruch löst sich in drei Schritten auf:
- Jeder Artikel im Regal wurde eingekauft und bezahlt. Die 500.000 Euro stecken als Kapitalbindung in der Ware.
- Dieses Geld liegt nicht auf dem Konto. Es kann weder Rechnungen begleichen noch Investitionen finanzieren.
- Die Liquidität (Zahlungsfähigkeit) sinkt. Skontofristen (Rabatte bei schneller Zahlung) verstreichen, Investitionen werden verschoben.
Je höher der Lagerbestand, desto mehr Kapital ist gebunden - und desto weniger bleibt für den laufenden Betrieb.
Was kostet das gebundene Kapital konkret?
Die Formel ist kurz:
Kapitalbindungskosten = Durchschnittlicher Lagerbestand × kalkulatorischer Zinssatz
Der kalkulatorische Zinssatz liegt branchenüblich zwischen 5-12 %; 8 % als Mittelwert sind eine pragmatische Annahme. Er bildet ab, was das Unternehmen mit dem Geld anderweitig verdienen könnte, z.B. durch Investitionen oder Tilgung von Krediten.
Beispiel: 500.000 Euro × 0,08 = 40.000 Euro pro Jahr. Das sind rund 3.333 Euro pro Monat, die dem Betrieb entgehen - ohne dass eine einzige Palette das Lager verlassen hat.
⚖️ Vergleich im Kopf: Ein Betrieb mit 500.000 Euro Lagerbestand und einer mit 200.000 Euro - beide zahlen 8 % kalkulatorischen Zinssatz. Wie groß ist der Unterschied in Euro pro Jahr, und was könnte der zweite Betrieb mit der Differenz finanzieren?
Drei Hebel gegen totes Kapital
Maßnahmen und ihre Nebenwirkungen
Drei gängige Maßnahmen senken die Kapitalbindung - jede hat Nebenwirkungen:
- Sicherheitsbestand senken: Weniger Puffer im Regal setzt sofort Kapital frei. Bei Lieferverzug des Lieferanten droht allerdings ein Produktionsstopp. Geeignet, wenn die Lieferkette stabil ist.
- Bestellrhythmus erhöhen (kleinere Mengen in kürzeren Abständen): Der durchschnittliche Bestand sinkt, die Liquidität steigt. Die höheren Bestellkosten (mehr Lieferungen, mehr Wareneingänge) sind der Nachteil. Lohnt sich, wenn die Kosten pro Bestellvorgang niedrig sind.
- Just-in-Time einführen: Ware kommt erst, wenn sie gebraucht wird. Kapitalbindung sinkt auf ein Minimum. Jede Störung in der Lieferkette trifft allerdings sofort die Produktion. Setzt enge Abstimmung mit Lieferanten und kurze Transportwege voraus.
Die Empfehlung für den Freitagmorgen
Keine der drei Maßnahmen ist universell richtig. Die Entscheidung hängt davon ab, wie stabil die Lieferkette ist und wie hoch das Risiko eines Produktionsstopps wiegt.
Für den Betrieb mit 500.000 Euro Bestand und 40.000 Euro Kapitalbindungskosten pro Jahr ist der erste Schritt oft der einfachste: Bestände analysieren, Langsamdreher (Artikel mit geringem Umschlag) identifizieren und den Sicherheitsbestand dort senken, wo die Versorgungssicherheit es zulässt. Schon eine Reduktion auf 400.000 Euro spart 8.000 Euro jährlich - Geld, das direkt in den Kommissionierwagen fließen kann.
Teste dein Wissen
Ein Lager hat 500.000 € Warenwert eingelagert. Warum kann das Unternehmen trotzdem keine offene Lieferantenrechnung begleichen?