Berechnung: Durchschnittlicher Lagerbestand und Reichweite
Reicht der Bestand bis zur nächsten Lieferung?
400 Stück klingen nach viel. Oder?
Samstagnachmittag, 14:45 Uhr, Büro Disposition. Der Drucker spuckt gerade die aktuelle Bestandsliste aus. Deine Teamleiterin hält dir die Liste hin: Artikel 4820 hatte zum Monatsanfang 1.200 Stück, jetzt sind noch 400 da. Täglicher Verbrauch: 60 Stück. Die nächste Lieferung kommt erst in acht Tagen. Sie braucht jetzt eine Antwort, ob eine Eilbestellung raus muss.
Spontan denkst du: 400 Stück, das müsste doch locker reichen. Aber stimmt das? Falsche Einschätzung kostet: Entweder bleiben 15 Kundenaufträge nächste Woche liegen oder eine unnötige Eillieferung frisst 800 Euro Zuschlag. Ohne Rechnung kommst du hier nicht weiter.
Von der Kennzahl zur konkreten Berechnung
Lagerkennzahlen wie Umschlagshäufigkeit und Reichweite klärt das Was - jetzt geht es um das Wie: die konkrete Berechnung. Um die Frage deiner Teamleiterin zu beantworten, brauchst du zwei Werkzeuge:
- Den durchschnittlichen Lagerbestand - er zeigt, wie viel von einem Artikel im Schnitt auf Lager liegt.
- Die Lagerreichweite - sie zeigt, wie viele Tage der aktuelle Bestand bei gleichbleibendem Verbrauch noch reicht.
Beide Kennzahlen bauen aufeinander auf. Fangen wir mit dem durchschnittlichen Lagerbestand an.
Wie berechnest du den durchschnittlichen Lagerbestand?
Die Formel: Anfangsbestand trifft Endbestand
Der durchschnittliche Lagerbestand gibt an, wie viele Einheiten eines Artikels im Betrachtungszeitraum durchschnittlich auf Lager lagen. Die einfachste Variante nutzt zwei Werte:
Durchschnittlicher Lagerbestand = (Anfangsbestand + Endbestand) / 2
Zurück zu Artikel 4820 aus dem Dispositionsbüro:
- Anfangsbestand (Monatsanfang): 1.200 Stück
- Endbestand (jetzt): 400 Stück
- Rechnung: (1.200 + 400) / 2 = 800 Stück
Im Durchschnitt lagen also in diesem Monat 800 Stück von Artikel 4820 im Lager. Dieser Wert ist wichtig für die Berechnung der Umschlagshäufigkeit und der Kapitalbindung.
Zweites Zahlenpaar: Artikel 7315
Auf der Bestandsliste steht noch ein zweiter kritischer Artikel. Artikel 7315 hatte zum Monatsanfang 500 Stück, aktuell sind 300 Stück da.
- Rechnung: (500 + 300) / 2 = 400 Stück
Der durchschnittliche Lagerbestand von Artikel 7315 beträgt also 400 Stück. Vergleich: Artikel 4820 bindet mit durchschnittlich 800 Stück doppelt so viel Lagerkapazität wie Artikel 7315 mit 400 Stück.
Wie lange reicht der aktuelle Bestand?
Die Formel für die Lagerreichweite
Jetzt kommt die entscheidende Kennzahl für die Frage deiner Teamleiterin: die Lagerreichweite. Sie gibt an, wie viele Tage (oder Wochen) der aktuelle Bestand bei gleichbleibendem Verbrauch noch ausreicht.
Lagerreichweite = aktueller Bestand / Verbrauch pro Zeiteinheit
Für Artikel 4820:
- Aktueller Bestand: 400 Stück
- Täglicher Verbrauch: 60 Stück
- Rechnung: 400 / 60 = 6,67 Tage
Der Bestand reicht also knapp 6 Tage und 16 Stunden. Die nächste Lieferung kommt aber erst in 8 Tagen. Das bedeutet: Ab Tag 7 ist das Lager leer. Dein Bauchgefühl lag falsch - 400 Stück reichen nicht.
Artikel 7315: Reichweite im Vergleich
Prüfe jetzt Artikel 7315. Aktueller Bestand: 300 Stück, täglicher Verbrauch: 25 Stück.
- Rechnung: 300 / 25 = 12 Tage
Die Reichweite beträgt 12 Tage. Wenn die nächste Lieferung auch hier in 8 Tagen kommt, ist Artikel 7315 unkritisch: 12 Tage Reichweite sind mehr als die 8 Tage Wartezeit. Kein Handlungsbedarf.
Bei Artikel 4820 sieht es anders aus: 6,67 Tage < 8 Tage. Hier muss deine Teamleiterin handeln.
Kannst du beide Formeln auf neue Zahlen anwenden?
Neuer Artikel, dein Rechenweg
Auf der Bestandsliste taucht noch Artikel 9102 auf. Hier sind die Daten:
- Anfangsbestand: 800 Stück
- Endbestand (aktuell): 200 Stück
- Täglicher Verbrauch: 40 Stück
Berechne selbst:
- Durchschnittlicher Lagerbestand = (_____ + _____) / 2 = _____ Stück
- Lagerreichweite = _____ / _____ = _____ Tage
Kontrolle: Der durchschnittliche Lagerbestand beträgt (800 + 200) / 2 = 500 Stück. Die Reichweite beträgt 200 / 40 = 5 Tage.
Drei Artikel im Überblick
Jetzt hast du alle drei Artikel durchgerechnet:
Zwei von drei Artikeln haben eine Reichweite unter 8 Tagen. Artikel 9102 ist mit nur 5 Tagen sogar noch kritischer als Artikel 4820. Für beide muss die Disposition handeln.
Was tun, wenn die Reichweite nur noch 2 Tage beträgt?
Vom Rechenergebnis zur Handlung
Die Reichweite von Artikel 9102 liegt bei 5 Tagen. Aber was, wenn ein Artikel nur noch 2 Tage Reichweite hat und die Standardlieferzeit im Grosshandel bei 3 bis 5 Werktagen liegt? Dann reicht der Bestand auf keinen Fall bis zur regulären Lieferung. Aus diesem Rechenergebnis lassen sich konkrete Handlungen ableiten:
- Sofortbestellung auslösen - Keine reguläre Bestellung abwarten, sondern direkt eine Eilbestellung beim Hauptlieferanten aufgeben.
- Lieferantenrücksprache - Kann der Lieferant eine Expresslieferung innerhalb von 1 bis 2 Tagen garantieren? Falls nicht: Alternativlieferant prüfen.
- Bedarfsprüfung - Können einzelne Kundenaufträge zeitlich verschoben werden, um den knappen Bestand für die dringendsten Aufträge zu sichern?
Reichweite und Lieferzeit zusammen denken
Die entscheidende Regel lautet: Reichweite muss grösser sein als Lieferzeit. Sobald die Reichweite unter die Wiederbeschaffungszeit fällt, entsteht eine Versorgungslücke. Im Grosshandel, wo Kund:innen kurze Lieferzeiten erwarten, kann das direkt zu Umsatzverlust und beschädigten Kundenbeziehungen führen.
Deine Teamleiterin bekommt also eine klare Antwort: Artikel 4820 braucht eine Eilbestellung, Artikel 7315 ist unkritisch, und bei Artikel 9102 sollte sie sofort den Lieferanten anrufen. Die Berechnung von durchschnittlichem Lagerbestand und Reichweite hat dir die Grundlage für diese Entscheidung geliefert.
Lernziele
- Die Lagerreichweite eines Artikels bei gleichbleibendem Verbrauch berechnen, indem die Formel korrekt auf 2 vorgegebene Artikel angewendet wird, für beide Artikel ein fehlerfreies numerisches Ergebnis ermittelt wird und die passende Einheit (Tage oder Wochen) korrekt angegeben wird
- Den durchschnittlichen Lagerbestand aus Anfangs- und Endbestand berechnen, indem die Formel korrekt angewendet und das numerische Ergebnis für mindestens 2 vorgegebene Zahlenpaare fehlerfrei ermittelt wird
- Bestellpolitische Konsequenzen aus einem kritischen Reichweitenwert ableiten, indem aus dem Reichweitenwert mindestens 2 konkrete Handlungsfolgen (z.B. Sofortbestellung, Lieferantenrücksprache, Bedarfsprüfung) abgeleitet und mit den typischen Lieferzeiten des Großhandels in Bezug gesetzt werden