Wie ist die Wertschöpfungskette nach Porter aufgebaut?
Von Geschäftsprozessen zur Wertschöpfung
Du kennst bereits die Unterscheidung zwischen Kern- und unterstützenden Geschäftsprozessen. Der Ökonom Michael Porter hat dieses Konzept zur Wertschöpfungskette (Value Chain) weiterentwickelt. Sie visualisiert den gesamten Weg, wie ein Unternehmen durch aneinandergereihte Aktivitäten aus eingekauften Vorleistungen ein wertvolleres Endprodukt für die Kundschaft erschafft.
Stell dir ein IT-Systemhaus vor: Es kauft einzelne Hardware-Komponenten wie Server, Kabel und Racks (geringer Wert). Durch den Zusammenbau, die Installation eines Betriebssystems und die Konfiguration einer sicheren Cloud-Umgebung entsteht eine fertige IT-Lösung, für die die Kundschaft einen deutlich höheren Preis bezahlt. Diese finanzielle Differenz zwischen den eingekauften Vorleistungen und dem finalen Verkaufspreis ist die Wertschöpfung.
Primäre und unterstützende Aktivitäten
Wie in der zugehörigen Grafik dargestellt, teilt Porter die Unternehmensaktivitäten in zwei Hauptkategorien ein, die gemeinsam die Gesamtwertschöpfung (die Gewinnspanne) erzeugen:
- Primäre Aktivitäten: Diese sind direkt an der physischen Erstellung, dem Verkauf und der Übergabe des Produkts beteiligt. Dazu zählen die Eingangslogistik (Warenannahme von Servern), die Produktion (Konfiguration der Systeme), die Ausgangslogistik (Auslieferung an die Kundschaft), Marketing & Vertrieb sowie der Kundendienst (IT-Support).
- Unterstützende Aktivitäten: Sie bilden das notwendige Fundament, damit die primären Prozesse überhaupt ablaufen können. Hierzu gehören die Unternehmensinfrastruktur (Management, Buchhaltung), das Personalwesen (Recruiting von IT-Fachkräften), die Technologieentwicklung (Forschung, interne IT) und die Beschaffung (Einkauf der Hardware).
Wertschöpfungsfaktoren: Was beeinflusst die Effizienz?
Die Effizienz der gesamten Wertschöpfungskette hängt von verschiedenen Faktoren ab, die du systematisch analysieren musst:
- Positive Faktoren steigern den geschaffenen Wert oder senken die Produktionskosten. Beispiele sind gezielte Prozessoptimierungen (z. B. die Automatisierung von Software-Deployments durch Skripte) oder Innovationen bei Produkten. Sie machen das Unternehmen am Markt wettbewerbsfähiger.
- Negative Faktoren vernichten hingegen Wert und verursachen unnötige Kosten. Typische Beispiele aus dem IT-Alltag sind Verschwendung (z. B. ungenutzte, aber bezahlte Cloud-Ressourcen) oder Qualitätsmängel (z. B. fehlerhafter Code, der teure Nachbesserungen im Support nach sich zieht).
Das Ziel eines erfolgreichen Managements ist es, positive Faktoren gezielt zu fördern und negative Faktoren konsequent zu eliminieren.
Wie wird Wertschöpfung gemessen und optimiert?
Berechnung und Verteilung der Wertschöpfung
Um zu bewerten, wie viel Wert ein Unternehmen tatsächlich geschaffen hat, wird die Wertschöpfung rechnerisch ermittelt. Die zugehörige Grafik veranschaulicht diesen Verteilungsprozess:
- Bruttowertschöpfung: Du nimmst die Gesamtleistung (z. B. den Jahresumsatz von 1.000.000 €) und ziehst die Vorleistungen (eingekaufte Hardware und externe Dienstleistungen, z. B. 600.000 €) ab. Die Bruttowertschöpfung beträgt hier 400.000 €.
- Nettowertschöpfung: Von der Bruttowertschöpfung ziehst du nun noch die Abschreibungen (den Wertverlust von eigenen Maschinen oder Firmenwagen, z. B. 50.000 €) ab. Es bleiben 350.000 € Nettowertschöpfung.
Dieser neu geschaffene Wert wird nun an vier Gruppen von Nutznießenden verteilt:
- Mitarbeitende: Erhalten Löhne und Gehälter.
- Staat: Erhält Steuern und Sozialabgaben.
- Kapitalgebende: Erhalten Zinsen für Kredite (z. B. Banken).
- Unternehmen: Behält den Rest als Gewinn (für Rücklagen oder Ausschüttungen an Eigentümer:innen).
Wichtige Kennzahlen zur Steuerung
Neben den dir bereits bekannten Produktivitätskennzahlen nutzt man spezifische Metriken, um verschiedene Unternehmenstypen zu vergleichen:
- Wertschöpfungsquote: Berechnet sich aus
(Wertschöpfung / Gesamtleistung) * 100. Sie zeigt, wie hoch der Anteil der selbst erbrachten Leistung am Endprodukt ist. - Vergleich von Unternehmenstypen: Ein reiner Handelsbetrieb (z. B. ein Online-Shop für Laptops) hat oft eine sehr niedrige Wertschöpfungsquote, da er fertige teure Waren einkauft und nur mit einem kleinen Aufschlag weiterverkauft (hohe Vorleistungen). Ein Dienstleistungsbetrieb (z. B. eine IT-Beratung) hat hingegen eine sehr hohe Wertschöpfungsquote, da das "Produkt" primär aus dem Wissen der Mitarbeitenden besteht und kaum materielle Vorleistungen eingekauft werden müssen.
Optimierung der Wertschöpfungskette in der Praxis
Wenn du die Kennzahlen und Faktoren analysiert hast, kannst du konkrete Optimierungsmaßnahmen ableiten und deren Auswirkungen quantifizieren.
Stell dir vor, ein IT-Dienstleister stellt fest, dass seine Wertschöpfungsquote sinkt, weil für spezielle Cloud-Projekte ständig teure externe Subunternehmen beauftragt werden müssen (hohe Vorleistungen).
- Maßnahme: Das Unternehmen investiert 20.000 € in die Weiterbildung des eigenen Personals (unterstützende Aktivität: Personalwesen).
- Auswirkung: Dadurch können lukrative Aufträge im Wert von 100.000 € nun intern abgewickelt werden. Die Vorleistungen für Subunternehmen entfallen, wodurch die eigene Nettowertschöpfung um 80.000 € steigt.
Ein weiteres Beispiel: Durch die Einführung eines automatisierten Ticket-Systems im IT-Support (Technologieentwicklung) wird die Bearbeitungszeit pro Ticket halbiert. Dies reduziert den negativen Faktor "Wartezeit", senkt die Personalkosten pro Fall und erhöht die Produktivität der gesamten Kette.
Teste dein Wissen
Ein IT-Systemhaus kauft Server-Hardware für 5.000 Euro und verkauft das fertig konfigurierte System für 8.000 Euro. Wie bezeichnet die Ökonomie diese Differenz von 3.000 Euro?